Die Kamera des Essential Phone erhielt eine Aussparung. (Foto: Essential)

Essential Phone vorgestellt: Sorry, Android-Gründervater Rubin, aber die Offenbarung sieht anders aus!

Android-Erfinder Andy Rubin hat heute das Essential Phone vorgestellt, ein neues Premium-Smartphone, das sich mit Ansteck-Modulen erweitern lässt. So schön es wirkt: Es ist wenig Neues dabei, dafür Widersprüchliches und viel sehnlicher hätten wir uns Besonderheiten beim Betriebssystem gewünscht.

Besonders groß waren meine Erwartungen an das Essential Phone ohnehin nicht, muss ich gestehen. Die ersten Teaser in den vergangenen Wochen zeigten ein schönes Smartphone. Aber dann eben doch nur eins, auf dem Android installiert sein würde. Vielleicht war das vom Android-Gründervater Andy Rubin nicht anders zu erwarten. Vielleicht aber hatte man sich gerade von dem etwas mehr versprochen. Nicht zwingend gleich ein neues Betriebssystem, aber dann doch eine neue Herangehensweise an das mittlerweile etwas überladene und nicht immer logisch zu bedienende Android.

Essential Phone: Top ausgestattet, aber ohne Überraschungen

Herausgekommen ist beim Essential Phone jetzt ein, wie ich finde, sehr schönes Smartphone, das eigentlich alles mitbringt, was man von einem Smartphone im Sommer 2017 erwarten würde. Und noch ein kleines bisschen mehr: eine Schnittstelle, an die man Erweiterungen einfach anstecken kann. Für den Beginn sind das etwa die Docking-Station, in der man das Essential Phone auflädt, und eine 360-Grad-Kamera. Das erinnert ein wenig an die Lenovo Moto Mods, bei denen man einen passenden Lautsprecher oder eine bessere Kamera an das passende Smartphone einfach andocken kann.

Ansonsten hat Rubin beim Essential Phone zwar vom Feinsten aufgetischt, eine Überraschung gelingt ihm allerdings nicht. Wenn wir das mal durchgehen:

  • Randloses 5,7-Zoll-Display mit 19:10-Bildformat und QHD-Display (2.560 X 1312 px) -> sehr ordentlich proportioniert und erinnert vom Faktor her an LG G6 und Samsung Galaxy S8.
  • Prozessor: Snapdragon 835 -> ebenfalls zu finden im Galaxy S8.
  • Speicher: 128 GB (sehr ordentlich!) und 4 GB RAM
  • Bluetooth 5.0 LE (ähnlich wie im Galaxy S8), NFC, GPS, Glonass, WLAN 802.11 a/b/g/n/ac MIMO, ansonsten Sensoren, die man auch von anderen Spitzensmartphones kennt: Fingerabdrucksensor, Barometer, Gyroskop, Magnetsensor, Beschleunigungssensor.
  • Akku: 3.040 mAh. Auch hier bewegt man sich in der Nähe des Galaxy S8, es hätte aber auch gerne mehr Ladekapazität sein dürfen.
  • Das bruch- und kratzfeste Titanium-Gehäuse hat das Essential Phone relativ exklusiv.
  • Dual-Kamera mit RGB- und Mono-Linse, f/1.85-Blende, Hybrid-Autofokus mit Phasenerkennung- und Laserunterstützung. Damit steht das Essential Phone nicht alleine da.
  • USB Typ-C-Stecker, 4 3D-Mikrofone, kein Audioklinkenstecker.

Versteht mich nicht falsch: Alles an dem Essential Phone wirkt auf mich absolut wie Highend. Schwächen sehe ich kaum. Und gerade in weiß gefällt es mir auch optisch sehr gut. Und mit Preisen ab 700 US-Dollar plus Steuern ist es noch nicht einmal übermäßig teuer im Vergleich zu anderen Spitzensmartphones wie dem iPhone 7 und dem Galaxy S8.

Essential Phone: bald verfügbare Farben

Essential Phone: bald verfügbare Farben

Aber das Essential Phone ist eben nicht mehr als das. Es ist auch nur wieder ein neues Smartphone einer neuen Firma, das sich Mühe mit der Hardware gegeben hat und dem die Software, nun ja, relativ egal ist. Es soll ein relativ nacktes Android darauf sein. Punkt. Und ich sehe kaum Eigenschaften, die sich gegenüber der Konkurrenz nennenswert hervortun.

Essential Phone: Viel Marketing-Blabla

Was also soll das? Andy Rubin selbst schreibt in einem Blogbeitrag über seine Beweggründe für das Essential Phone: Nach Gesprächen mit Freunden und mehr oder weniger aus Langeweile (Geld habe er demnach genug) sei er auf die Idee gekommen, …

„eine neue Art von Firma zu gründen, die Methoden des 21. Jahrhunderts nutzt, um Produkte zu schaffen, die Menschen im 21. Jahrhundert wollen.“

Soso, und was davon trifft jetzt auf alle anderen Firmen nicht zu, auf Essential aber schon? Rubin weiter zum neuen Unternehmen Essential:

„Die Geräte sind Ihr persönliches Eigentum. Wir zwingen Sie nicht, etwas darauf zu haben, was Sie nicht wollen.“

Heißt das, ich kann die blöde „Play Filme“-App endlich löschen, die auf jedem Android-Smartphone standardmäßig installiert ist? Warum sollten andere Smartphones nicht mein Eigentum sein?

„Wir werden immer nett zu anderen sein. Geschlossene Ökosysteme sind spalterisch und veraltet.“

Ein Seitenhieb auf Google? Die Open Handset Alliance allerdings erscheint mir nicht gerade wie ein geschlossenes Ökosystem.

„Premium-Materialien und echte Handarbeit sollten nicht nur für einige wenige sein.“

Sind sie auch nicht. Praktisch jeder Hersteller teurer Smartphones setzt ähnlich teure Materialien ein und produziert für die Masse.

„Technik soll Sie unterstützen, so dass sie Ihr Leben einfach weiter genießen können.“

Das kann alles und nichts heißen. Klar soll Technik das.

„‚Einfach‘ ist immer besser.“

Nicht wirklich immer, aber sehr oft. Nur was an Essential dann wirklich anders ist, ist die Frage. Und dass die Firma mit Essential Home auch gleich noch ein weiteres Heimvernetzungs-System vorgestellt hat, macht den ohnehin fragmentierten Markt nicht gerade überschaubarer.

Auf der Website zum Essential Phone heißt es:

„Hasst du es nicht auch, wenn du ständig neue Dongles, Ladegeräte oder neues Zubehör kaufen musst, nur weil dein Smartphone mal wieder ein Upgrade bekommen hat? Geht uns genauso. Deswegen haben wir beschlossen, dass damit jetzt Schluss sein muss.“

Das Essential Phone verzichtet wohl deswegen auch auf einen Klinkenstecker. Möchte man einen Kopfhörer anschließen, benötigt man laut The Verge ein, Achtung: Dongle. Autsch!

Schema der 360-Grad-Kamera des Essential Phones

Schema der 360-Grad-Kamera des Essential Phones

Die erste verfügbare Erweiterung für das Essential Phone ist die, laut Hersteller, kleinste 360-Grad-Kamera. Auf der Produktseite wird Igenieur Xiaoyu Miao interviert, der zu 360-Grad-Kameras sagt:

„Es ist eine eindringliche Erfahrung, die den Betrachter in das Zentrum der Aktivität stellt und die Art, wie wir ein Bild aufnehmen, fundamental ändert.“

Bisschen dick aufgetragen für meinen Geschmack. Klar, 360-Grad-Kameras sind mal ganz witzig; Kollege Sven Wernicke experimentiert auch gerne damit. Aber eine fundamentale Änderung der Fotografie oder unserer Sehgewohnheiten sehe ich da noch nicht. Dass es die 360-Grad-Kamera als Einführung für nur 50 Dollar extra gibt, wenn man das Essential Phone direkt bestellt, ist allerdings eine nette Geste. Kann sicher nicht schaden, die dann auch noch mitzunehmen.

Essential Phone: Ein Telefon, nicht die Offenbarung

Warum ich hier so mies gelaunt klinge, obwohl ich ein eigentlich schönes Telefon gezeigt bekommen habe? Weil es eben nur das ist und weil ich das Gefühl habe, dass man mich für dumm verkaufen will. Sicher, Marketing läuft so, dass man sich in den höchsten Tönen selbst lobt und so tut, als wäre man der Konkurrenz ein paar Schritte voraus oder als gäbe es gar keine namhaften Mitbewerber. Aber am Essential Phone sehe ich nichts Revolutionäres. Dualkamera, randloses Display, Aufsteckmodule, Dockingstation, kabelloses Laden, edle Materialien, Einfachheit – alles schon einmal gesehen.

Schon hübsch: Das Essential Phone in schwarz

Schon hübsch: Das Essential Phone in schwarz

Da reicht es mir nicht, dass Android-Gründervater Andy Rubin hinter dem Essential Phone steckt. Das alleine sorgt nicht dafür, dass ich vor Freunde „ja“ schreie und sofort auf „Vorbestellen“ klicke. Was ohnehin noch nicht geht, denn obwohl die Produktseite teilweise auf Deutsch übersetzt wurde und dort steht „Sei der Erste, der sich ein Essential Phone reserviert“, geht das bislang nur für Adressen innerhalb der USA. Ach.

Bilder: Essential

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