Eins der spannendsten Projekte dieses Winters: Android-PC Remix Mini mit Remix OS im Test

Meine neueste Lieblings-Spielwiese heißt Remix Mini und ist ein kieselsteinförmiger PC, auf dem ein angepasstes Android läuft. Das krankt leider an einigen Stellen, doch im Test zeigte sich, dass die Benutzung von Mal zu Mal mehr Spaß macht und das System in Zukunft noch ein ganz heißes Ding werden könnte.

Denn Android als Desktop-System? Zumindest, was die App-Auswahl, das Benachrichtigungssystem und den App-Manager betrifft, braucht sich das für Smartphones und Tablets angepasste Linux-System vor Mac und Windows nicht zu verstecken. Eine Maus oder externe Tastatur lassen sich bereits seit Jahren via Bluetooth an ein Android-Gerät anschließen. So weit, so gut.

Remix OS: Android als Desktop-Betriebssystem. Bild: Jide

Remix OS: Android als Desktop-Betriebssystem. Bild: Jide

Wenn, dann liegen die Nachteile von Android als Desktop-System anderswo. Und auch wenn das vom chinesischen Hersteller Jide angepasste Remix OS besser ist als jeder Versuch, Android auf Desktops zu bringen, den ich bisher gesehen habe, krankt es leider auch hier an den bekannten Stellen.

Die Fenstergröße ist der Knackpunkt

So klappt das Verkleinern und Vergrößern von Fenstern im Remix OS ganz ähnlich wie bei Windows. Was leider nicht immer mitrendert, ist der Bildschirminhalt. Und eben das ist das Problem. Die Facebook-App etwa wähnt sich im Remix OS manchmal im Tablet-Modus – dann ist im Prinzip alles in Ordnung – oder im Smartphone-Modus und dann skalieren Videos beim Vergrößern eines Fensters gar nicht mit, Bilddateien werden bei gleichbleibender Auflösung in die Länge gezogen und dadurch pixelig.

Pixelige Polizisten: Die Facebook-App wähnt sich im Smartphone-Modus und skaliert Bilder beim Vergrößern eines  Fensters nicht.

Pixelige Polizisten: Die Facebook-App wähnt sich im Smartphone-Modus und skaliert Bilder beim Vergrößern eines Fensters nicht.

Ähnliche Probleme etwa beim – extra von Jide empfohlenen – Mediaplayer Kodi. Dieser wähnt sich in einem größeren Fenster als er tatsächlich ist. Will man die Eingabeschaltflächen erwischen, muss man dann ein wenig daneben klicken. Ähnliches mit Spielen wie meinem Lieblings-Casual-Game Jelly Splash, das für Hochkant-Smartphones entworfen wurde und in der Landscape-Ansicht nicht skaliert. Hier ist Jide im Prinzip keine Schuld zuzusprechen. Es ist mehr ein Henne-Ei-Problem. Bevor es keine offizielle Android-Version für den Desktop gibt – und Google machte bisher wenige Anstalten das zu tun – sehen App-Anwender keine Notwendigkeit, ihre Apps mit einen Landscape-Modus auszustatten.

Immer wieder auf ein Neues: Beim nächsten Öffnen hält Facebook den Remix Mini – schon passender – für ein Tablet.

Immer wieder auf ein Neues: Beim nächsten Öffnen hält Facebook den Remix Mini – schon passender – für ein Tablet.

Problematisch ist auch die Arbeit mit dem Browser Chrome, den Jide nach eigenen Angaben extra für das Arbeiten auf Remix OS angepasst hat. Zwar erhält Chrome hier tatsächlich Tabbed Browsing, allerdings öffnen Webseiten standardmäßig in der mobilen, nicht der Desktop-Version. Und auch wenn es die Möglichkeit gibt, einzelne Seiten im Desktop-Modus neu zu laden, eine Standard-Einstellung dafür gibt es nicht. Beim nächsten Laden erscheint die Webseite dann wieder in der unpassenden mobilen Ansicht.

Tabbed Browsing: Leider lädt der angepasste Chrome-Browser nicht immer die Desktop-Ansicht einer Webseite.

Tabbed Browsing: Leider lädt der angepasste Chrome-Browser nicht immer die Desktop-Ansicht einer Webseite.

Manche Apps machen auf dem Remix Mini richtig Spaß

Auf der anderen Seite gelang die Arbeit mit Googles Mailprogramm GMail, mit der Kurznachrichten-App Twitter, mit der Textverarbeitung Google Docs oder mit meinem Lieblings-Bildbearbeitungsprogramm Aviary schon sehr gut. Einzig die Textverarbeitung an sich ist dank anderer Befehle für das Markieren und Kopieren von Text gewöhnungsbedürftig. Hier merkt man, dass Android eben doch in erster Linie für Geräte mit Touch-Eingabe gedacht ist.

Nahe dran am Genuss: Fenster-Manager-Startmenü und Desktop präsentieren sich wie eine Windows-Oberfläche.

Nahe dran am Genuss: Fenster-Manager-Startmenü und Desktop präsentieren sich wie eine Windows-Oberfläche.

Interessant ist, dass sich manche Apps bei jedem Öffnen anders präsentieren. Mein Standard-Feedreader Feedly etwa ließ sich zunächst gar nicht bedienen, weil für die Ersteinrichtung ein Wisch nach oben (Swipe) notwendig ist, den Remix OS mit der Maus nicht imitieren wollte. In einem späteren Versuch gelang das dafür problemlos, und Feedly schaltete auf den Tablet-Modus um, wo sich Nachrichten sehr bequem lesen ließen. Beim dritten Versuch mit der App wähnte sich Feedly hingegen wieder in der Smartphone-Ansicht und präsentierte mir ein schlankes Fenster im Hochkant-Format.

Und jetzt? Wischgesten wollte Remix OS am Anfang schlicht nicht mit einer Maus simulieren, was einige Apps, wie hier Feedly, unbrauchbar machte.

Und jetzt? Wischgesten wollte Remix OS am Anfang schlicht nicht mit einer Maus simulieren, was einige Apps, wie hier Feedly, unbrauchbar machte.

Für seriöse Arbeit scheint das alles noch ein wenig zu früh zu kommen. Und während mir das Unboxing der chic verpackten, schlanken Hardware gut gefiel, so sehr hatte ich in der Praxis Probleme mit der Hardware. Zwar ersteigerte ich damals das stärkste Modell des Remix OS, das Jide in der eigenen Crowdfunding-Kampagne anbot, doch auch dieses präsentierte sich vor allem beim Booten (dauert nahezu eine Minute) oder dem Öffnen von Verzeichnissen im File-Manager als sehr, sehr behäbig. Trotz Quadcore-Chips und 2 GB RAM.

Schon chic: Der Remix Mini

Schon chic: Der Remix Mini

Einfach zu viele Bildabstürze

Und obwohl ich nach zahlreichen Versuchen mit unterstützten Bildschirmformaten wähnte, endlich die richtige gefunden zu haben, schaltete das System immer noch regelmäßig den Bildschirm ab. Den genauen Grund dafür habe ich noch nicht herausgefunden. Das Problem scheint aber mit dem Window-Manager zu tun zu haben: Es tritt vor allem beim schnellen Wechseln zwischen Fenstern und – zu meinem Leidweisen – immer wieder bei der Benutzung des Google Play Stores auf. Eine neue App installieren, einen schwarzen Bildschirm bekommen, wie wild auf Tastatur und Maus herumhämmern, warten – das wurde bei jedem Besuch des App Stores zur leidvollen Routine.

Neue Apps lassen sich über den Google Play Store installieren. In unserem Test hatte das System nur leider gerade dort die Angewohnheit, den Bildschirm abzuschalten.

Neue Apps lassen sich über den Google Play Store installieren. In unserem Test hatte das System nur leider gerade dort die Angewohnheit, den Bildschirm abzuschalten.

Und damit ist das System für mich in der Form leider unbenutzbar. Trotzdem: Das Ausprobieren eines völlig neuen Systems mit allen Spielereien macht derart viel Spaß, dass ich die Kiste immer wieder hervorkramte und Neues ausprobieren wollte. Schön von Jide umgesetzt ist etwa das angepasste Startmenü, die Taskleiste, die fein geordneten Einstellungen, das Benachrichtigungs-System.

Sogar an Ethernet, 2x USB und einen MicroSD-Karten-Slot hat Jide gedacht. Das Gerät schließt man via HDMI an einen externen Bildschirm an.

Sogar an Ethernet, 2x USB und einen MicroSD-Karten-Slot hat Jide gedacht. Das Gerät schließt man via HDMI an einen externen Bildschirm an.

Jide scheint Remix OS bislang nach Kräften zu unterstützen. Aktuell ist man in der Version 2.0. In der kurzen Zeit, in der ich den Mini-Rechner besitze, gab es auch bereits ein System-Update. Auch wenn die Software nach wie vor auf Android 5.1 Lollipop basiert – wer nur einen Arbeits-PC für die wichtigsten Dinge des Alltags sucht, wird auf die neuen Funktionen von Android 6.0 Marshmallow erst einmal verzichten können.

Schon besser: Wenn es sich für den Tablet-Modus entscheidet, sieht Feedly richtig gut aus.

Schon besser: Wenn es sich für den Tablet-Modus entscheidet, sieht Feedly richtig gut aus.

Inzwischen hat Jide Remix OS sogar kostenlos für die Masse freigegeben. Das System kann auf der Website des Herstellers heruntergeladen werden und lässt sich auf einem bootfähigen USB-3.0-Stick installieren, der einen Windows-PC damit zum Android-PC machen kann. Jide weist allerdings darauf hin, dass es sich hierbei noch um eine Alpha-Version handelt, in der noch viele Kinderkrankheiten zu erwarten sind.

Der Mini-PC Remix Mini ist nicht zwingend notwendig, um Remix OS zu benutzen. Er entsprang einer Kickstarter-Kampagne und kann mittlerweile auch offiziell auf der Website des Herstellers gekauft werden. Anbieter Jide hat seinen Sitz in der chinesischen Hauptstadt Peking und wurde von den drei ehemaligen Google-Mitarbeitern Jeremy Chau, Ben Luk und David Ko gegründet.

Der Remix Mini benötigt externe Hardware (Bildschirm, Bluetooth-Maus und -Tastatur). Das System lässt sich aber auch auf einem beliebigen PC verwenden. Bild: Jide

Der Remix Mini benötigt externe Hardware (Bildschirm, Bluetooth-Maus und -Tastatur). Das System lässt sich aber auch auf einem beliebigen PC verwenden. Bild: Jide

Ich persönlich bin von der Idee begeistert, mag auch die Umsetzung, hoffe nur inständig, dass die teilweise schweren Kinderkrankheiten in Bälde auskuriert werden. Dann könnte Remix OS vielleicht schon bald eine brauchbare Alternative zu Windows- oder Mac-Systemen sein. Zumindest bis Google endlich das Potenzial erkennt und Android eine offizielle Unterstützung für Desktop-Systeme mitgibt – was auch dazu führen dürfte, dass mehr Entwickler ihre Apps entsprechend anpassen. Warten wir mal ab.

Das Gute

+ Schönes Gehäuse in Kieselstein-Form, schmucke Verpackung, Unboxing macht Spaß
+ Notwendiges Zubehör wie Netzstecker und HDMI-Kabel wird mitgeliefert
+ Chice Oberfläche
+ Viele durchdachte und zusätzlich noch ein paar experimentelle Features
+ Regelmäßige Updates kommen
+ Schmaler Preis (ca. 60 Euro inklusive Versand)
+ Kudos für die Idee

Das weniger Gute

– Häufige Bildaussetzer machen das System nahezu unbenutzbar
– Tastatur bei Erstinstallation nicht erkannt
– Gerät startet beim Ausschalten wieder neu.
– Einige Apps präsentieren sich bei jedem Öffnen in einem anderen Bildschirmmodus
– Internetverbindung fällt hin und wieder aus.
– Booten dauert gefühlt ewig
– System eher langsam

Gesamtnote: 2.5/5

Ein grober Fehler kann alle positiven Ansätze zunichte machen. Beim Remix Mini liegt das Problem in den häufigen Aussetzern: Der Bildschirm schaltet sich mitten während der Arbeit einfach ab und lässt sich dann nur mühsam wieder aufwecken. Dass zahlreiche Android-Apps schlicht nicht für PC-Aufgaben oder auch nur einen Quermodus entwickelt sind und dass der Browser Webseiten nur im mobilen Modus darstellt, sind weitere gravierende Nachteile. Ansonsten sind Remix Mini und Remix OS spannende Ansätzen mit vielen tollen Ideen und hoffentlich einer rosigen Zukunft.

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2 Kommentare zu “Eins der spannendsten Projekte dieses Winters: Android-PC Remix Mini mit Remix OS im Test
  1. „präsentierte sich vor allem beim Booten (dauert nahezu eine Minute) oder dem Öffnen von Verzeichnissen im File-Manager als sehr, sehr behäbig. Trotz Quadcore-Chips und 2 GB RAM“

    Daran sieht man meiner Ansicht, dass die Beschäftigung mit RemixOS vergeudete Zeit ist. Schaut man sich dagegen ein Risc OS auf einem Raspberry Pi an – ja, sogar auf dessen ersten Version, so sieht man, was mit einem damals und heute immer noch modernen Betriebssystem aus den 90ern möglich war und ist.

    Wenn jetzt jemand die Zeit investieren würde, die UX von Risc OS auf einen solide Platform, z.B. Plan 9 zu setzen, gäbe es endlich mal wieder einen Fortschritt bei Desktop-Systemen, den wir nicht nur immer stärkerer Hardware, sondern endlich schlanker und leistungsfähiger Software verdanken.

    • Grüß dich Olav! 😉

      Was ich an Projekten wie Risc OS immer so schade finden: Sie wirken auf außenstehende Betrachter nerdig. Man sieht nur einen Haufen Abkürzungen und technische Begriffe, aber keine modernen Screenshots, wie das System in der Praxis aussähe. Das Produkt einer freien Entwicklergemeinde und damit begrenzt an Ressourcen, es ansprechend zu vermarkten. Und damit keine Lobby, keine Umsetzung.

      Denn, ja, da hast du Recht: So gerne ich das Look and Feel von Android mag: Es ist ein ganz schön aufgeblähtes OS geworden und bleibt eine lahme Krücke.

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