Blackberry Passport im Test: Die überraschende Entertainment-Konsole

Der Name Blackberry stand einst für einen der mutigsten Pioniere der und den größten Hersteller für Smartphones weltweit. Heute gilt die Marke als beinahe ausgestorben, der Marktanteil lag zuletzt bei weniger als 1 Prozent. Neue Smartphones gab es beinahe ein Jahr lang nicht, dafür – wieder einmal – einen neuen Unternehmenschef und wenig berauschende Geschäftszahlen. Aber Blackberry atmet noch und das hoffnungsvolle Smartphone Blackberry Passport, das in diesem Herbst auf den Markt kam, soll die Wende einläuten. Bei uns im Test des Geräts zeigt sich: Das einst so biedere Blackberry hat ein überraschend munteres Phablet vorgestellt, das durch einen Trick mit Android-Apps in der Gegenwart angekommen ist. Aber kann das die Marktanteile innerhalb der iPhone- und Android-Welt langfristig beflügeln?

Hardware

Das Design des Blackberry Passport ist ungewöhnlich. Das Display ist allein angesichts der Zahl von 4,5 Zoll gemessen an heutigen Konkurrenzmodellen zwar nicht übermäßig groß. Die Maße des fast quadratischen Bildschirms, die fest verbaute Tastatur darunter und seine Breite lassen das Blackberry Passport aber eher wie ein Riesen-Smartphone (Phablet) erscheinen, das man mit einer Hand alleine nicht mehr bedienen kann.

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Display: Platz gewonnen, Platz verschenkt

Spaß macht dieses Display dennoch bei der Arbeit mit ganz gewöhnlichen Apps wie dem Browser, WhatsApp oder dem Blackberry Hub. Die Ansicht wirkt riesig und augenfreundlich. Weniger gut geeignet scheint das Display dafür dann, wenn man sich auf dem Gerät einen Film oder ein YouTube-Video anschauen will. Aufgrund des ungewöhnlichen Formats wird das Videobild in die Mitte des Bildschirms gezwängt und fast die Hälfte des Screens damit verschenkt.

Video_Bildschirm

Stereo-Sound, griffiges Display

Ein wenig ausgleichen kann das der ausgezeichnete Ton der Stereo-Lautsprecher, die an der unteren Gehäuseseite angebracht sind. Dort befindet sich auch der Micro-USB-Port, über den man das Passport wieder aufladen oder an einen PC anschließen kann. Die Einschübe für die Nano-SIM-Karte und eine Micro-SD-Karte befinden sich unter einer abnehmbaren Klappe auf der Rückseite, direkt oberhalb der recht großzügig bemessenen Kamera-Linse und ihres LED-Blitzes. Der Akku hingegen lässt sich nicht herausnehmen. Die Rückseite besteht aus einer beschichteten Gummierung und ist angenehm griffig.

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Tastatur scheidet die Geister

Die Tastatur bleibt für systemfremde Anwender gewöhnungsbedürftig. Die 26 Buchstaben sind als physische Tasten verfügbar, die durch einen leichten Druck ausgelöst werden. Umlaute, Zahlen oder die Umschalttaste sind hingegen als virtuelle Tasten darüber auf dem Bildschirm eingeblendet, die man ohne Druck einfach nur antippen muss. Dieses Umschalten verwirrt am Anfang. Gut gelöst ist auf jeden Fall die neue Möglichkeit, leicht über die Tastatur zu wischen, um einige Wischgesten auszulösen.

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Kamera mit Autofokus und automatischem Weißabgleich

Mit dem ordentlich bemessenen Akku kamen wir bei uns im Test erstaunlicherweise locker über den Tag. Das war bei nicht allen bisherigen BB10-Modellen bisher der Fall. Die Kamera lieferte ordentliche Bilder mit einem etwas gemächlichen aber sonst in der Regel zuverlässigen Autofokus, der gleichzeitig automatischer Weißabgleich ist. Das Bild stellte sich beim Fokussieren während unseres Tests unter der etwas rötlich schimmernden Zimmerbeleuchtung nach einiger Zeit selbst auf das eigentlich gewünschte Weiß. Hier muss man der Kamera allerdings blind vertrauen, dass sie auf die richtige Farbtemperatur schaltet. Außerdem dauert das immer einen kleinen Moment. Ein manueller Weißabgleich wäre uns deswegen lieber gewesen.

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Software

Beim Testen der Software fällt direkt auf, dass Blackberry seit dem Start des neuen Betriebssystems BB10 vor knapp zwei Jahren einen gewaltigen Sprung nach vorne gemacht hat. Die aktuelle Version Blackberry 10.3 wirkt deutlich stabiler, ausgereifter und noch etwas mutiger. Neu ist etwa die Möglichkeit, den Bildschirm mit Wischbewegungen über der physischen Tastatur zu steuern, was nach kurzer Eingewöhnungszeit gelernt ist und eine enorme Erleichterung darstellt.

Homescreen

Neu dabei: Amazons Android App Shop

Und: Neu ist vor allem der neue Amazon Android App Shop. Denn der bringt Android Apps auf das Gerät. Die eigene Blackberry World hat vieles nicht im Angebot, was andere Systeme auch anbieten, weswegen viele Nutzer bislang einen großen Bogen um die Geräte drehten. Zwar war der Betrieb von Android-Apps auch schon bei bisherigen BB10-Versionen möglich, allerdings musste man diese umständlich von Hand per Sideload installieren. Seitdem der Amazon App Shop auf dem Gerät ist, hat sich die Lage entspannt und die Installation beliebter Apps und Spiele deutlich vereinfacht. Zwar fehlen Google Apps wie Maps oder Google Plus, dafür füllt man Lücken der Blackberry-World mit fast problemlos integrierbaren Android-Versionen von Apps wie Spotify, die nativen Apps oft in nichts nachstehen.

Amazon_AppShop

Problematischer wird es nur bei Android-Apps, die auf Kernfunktionen des Systems wie die Kontakte zugreifen wollen, denn das ist nach wie vor nicht möglich. Die Einführung der Amazon-Android-Welt ist also keine gänzlich zufriedenstellende Lösung, aber sie ist für Blackberry-Nutzer dennoch ein Gewinn.

Neue Möglichkeiten im System

Ebenso die moderner gestaltete Oberfläche von BB10, die etwa bei den Vorgängermodellen Z10, Z30 und Q10 noch eher wie ein Schnellschuss wirkte. Alleine die App-Icons wirken um Jahre moderner, die Schnellfunktionsleiste, die man mit einem Wisch vom oberen Bildrand nach unten öffnet, wurde um weitere oft genutzte Funktionen ergänzt. Die Bedienoberfläche der Kamera, mit der man alle wichtigsten Funktionen mit einem Klick startet, bleibt für mich die beste unter allen derzeit verfügbaren mobilen Betriebssystemen. Der Blackberry Hub als Sammelbecken für Benachrichtigungen unterschiedlichster Herkunft (das Gegenstück bei iOS und Android sind die Notifications) wirkt nach wie vor wie eine kluge Sammellösung.

Kamera

Einzig, dass Blackberry die Möglichkeit nur halbherzig ergänzt hat, von einer geöffneten Nachricht im Hub direkt zur nächsten zu springen ohne den Nutzer zwischendurch zurück ins Menü zu schicken, bleibt ein Wermutstropfen. Und auch die einst hoffnungsvoll mit BB10 vorgestellte Übersicht geöffneter Apps, Active Frames, wirkt wie ein zur Hälfte gescheitertes Experiment. Zwar gelangt man über die Übersicht leichter zu bereits geöffneten Anwendungen zurück. Allerdings scheinen nur wenige Apps die Möglichkeit auszunutzen, in dieser Ansicht eine Vorschau ihres Inhaltes oder sogar Steuerungsoptionen (etwa für Musik) anzubieten.

Active_Frames

Dennoch: Gesten, System und die verbesserte App-Auswahl wirken wir ein echter Gewinn. Blackberry ist mit BB 10.3 in der Gegenwart angekommen.

Fazit

Man muss bei Blackberry 10 auch weiterhin auf einige Apps verzichten, trotz der Anbindung des Amazon App Shops. Die Auswahl ist dadurch dennoch deutlich besser geworden. Und auch das System an sich wirkt unter BB 10.3 größtenteils modern, durchdacht. Vor Android 5 und iOS 8 muss sich Blackberry 10.3 zumindest nicht verstecken.

Das Blackberry Passport ist ein edles Gerät, das trotz oder gerade wegen seiner unorthodoxen Maße Spaß macht. Es liegt gut in der Hand, bietet satten Stereo-Sound (zumindest so gut, wie das in diesen kleinen Abmessungen möglich ist), Display und Kamera liefern ordentliche Ergebnisse. Der einzige echte Nachteil ist das Betrachten von Bildern (ob Fotos oder Videos) im 4:3- oder 16:9-Format. Hier wird aufgrund der fast quadratischen Maße des Displays leider sehr viel Platz verschenkt.

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Im Gesamteindruck ist Blackberry besser geworden. Dass es allerdings ohne einen fremden AppStore nicht gelingt, die klaffenden Lücken zu schließen, summiert sich zu einem Nachteil gegenüber der „runderen“ Gesamterlebnisse von Googles Android und Apples iPhone. Gerade Nutzern, die ihr Smartphone hauptsächlich für die Arbeit nutzen, dürfte das allerdings nicht sonderlich sauer aufstoßen.

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