Eine Bahnfahrt – ist nicht lustig, zumindest nicht, wenn man unterwegs ins Internet will

Datenturbo für alle, auch unterwegs. Das ist das Mantra von Verkehrsminister Alexander Dobrindt und den drei großen mobilen Carriern in Deutschland. Die Realität sieht anders aus, wie eine Fahrt mit der Bahn durch das platte Land zeigt.

Ich habe das Glück, die meiste Zeit des Jahres im Home Office arbeiten zu können – dank einer 100-Mbit/s-Leitung über Kabel mit paradiesischen Geschwindigkeiten. Vergangene Woche musste ich aber einmal von Bonn nach Hamburg reisen – und hier leider feststellen, dass sich seit Jahren in puncto Netzabdeckung oder Bahn-WLAN kaum etwas verbessert hat:

  • Noch während der ICE in Bonn steht, versuche ich, mich ins Bahn-WLAN einzuwählen – und bekomme nicht einmal ein Anmeldefenster präsentiert. Die Seite ist überlastet, meldet mein Smartphone, und kann nicht geladen werden.
  • Selbst im dicht besiedelten Ruhrgebiet schaltet mein Smartphone zwischen einzelnen Großstädten immer wieder auf EDGE – und das im Telekom-Netz. Ich versuche, die Arbeit mit Apps und Browsern auf die Bahnhöfe zu verlegen, in denen ich immer LTE habe. Wenigstens das.
  • Egal ob Münsterland oder norddeutsche Tiefebene: Auf dem flachen Land zwischen Dortmund und Münster, Osnabrück und Bremen oder Bremen und Hamburg kommt maximal noch eine EDGE-Verbindung zu Stande, meist nicht einmal mehr das.
  • Trotzdem schreibt mir mein Provider Congstar in Dortmund süffisant, dass mein monatliches Inklusivvolumen von 500 MB nun aufgebraucht sei. Immerhin 9,90 Euro zahle ich dafür, das eigentlich noch gute D1-Netz nutzen zu dürfen. Aber ich könne ja für 4,90 Euro weitere 200 MB bei 7,2 Mbit/s hinzukaufen. Fast fünf Euro für lausige 200 MB?! Kein schlechter Deal – für Congstar!

Ich flüchte in die analoge Welt

  • Meine Backup-Lösung: Eine mobile Tagesflat von O2 für 2,99 Euro. Neuerdings leider mit einer Volumenbegrenzung von aber immerhin 500 MB am Tag. Auf der Rückfahrt versuche ich, die letzte Folge von „The Night Manager“ von Amazon Prime zu streamen. Am Bremer Hauptbahnhof lädt sich der Puffer auf und gibt mir etwa 15 Minuten Sehzeit. Danach erhalte ich eine SMS, dass nun 80 Prozent meines Datenvolumens aufgebraucht wären. Ohai! Nicht die Schuld von O2, aber zwei Trends, die unvereinbar aufeinander prallen: Videostreaming und Volumenbegrenzung – Deutschland im Jahr 2016.
  • In meiner Not buche ich noch einmal eine Tagesflat. Ich musste mein Guthaben ohnehin aufladen, nachdem O2 mir gedroht hatte, den Anschluss sonst zu kappen. Aber, ihr ahnt es: Zwischen Bremen und Osnabrück kommt keine Verbindung zu Stande. Das Video puffert und puffert.
  • Auf einmal kommt die überraschende Nachricht, dass ich nun im Telekom Hotspot wäre und 30 Minuten kostenlos ins Bahn-WLAN gehen könnte. Meine Freude hält aber nicht lange: Mein Rechner versucht, versucht und versucht, sich einzuwählen, schafft es aber nicht. Eine quälende Minute später gebe ich auf.
  • Ein Bild, das ich auf Twitter hochladen will, braucht zwischen Münster und Dortmund fünf Minuten. Ich gebe auf – und freue mich, dass ich noch etwas auf Papier zu lesen dabei habe. Das Magazin „mobil“ ist seit dem Relaunch wirklich schön geworden. Eine Art Trostpflaster für netzaffine Kunden – immerhin das muss man der Bahn lassen.

Die Anbieter beklagen hohe Kosten für Netzabdeckung und Ausbau. Aber ganz ehrlich: Davon bekomme ich nur in den Städten etwas mit. Das flache Land bleibt das große Nichts. Und wenn wirklich noch in diesem Jahr WLAN frei in allen Zügen der Deutschen Bahn verfügbar sein soll, dann ahne ich jetzt schon, wie das aussieht: Man wird sich mit dem Signal verbinden – und nicht ins Netz kommen, weil die knappe Bandbreite des Bahn-WLAN schlicht und einfach unter zu vielen Nutzern aufgeteilt wird.

Die traurige Wahrheit: Wir werden noch Jahre warten müssen, bis wir unterwegs so ins Netz gehen können wie zuhause. Ein bisschen im Web surfen geht mit etwas Glück unterwegs, Bilddateien würde ich raten allenfalls an Bahnhöfen zu verschicken. Und Streaming von Musik oder gar Videos? Vergesst es! Das ist Zukunftsmusik in diesem Land. Vielleicht mit 5G ab dem Jahr 2020, in Deutschland also 2023.

Wer trotzdem demnächst noch einmal Bahn fahren muss: Mit neuen Fenstern versucht die Bahn, den oft schlechten Mobilfunkempfang zu verbessern. Wenn es klappt, sollen ICE-Kunden bald Serien und Filme über Maxdome streamen können. Wenn die anderen Bahngäste nerven, helfen Kopfhörer mit aktiver Geräuschunterdrückung, zum Beispiel der Bose Quiet Comfort 35.

Bild: Netzradar DB Bahn

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4 Kommentare zu “Eine Bahnfahrt – ist nicht lustig, zumindest nicht, wenn man unterwegs ins Internet will
  1. Immer mehr Bandbreite ist meiner Meinung nach ein Wettrennen, bei dem alle verlieren werden.

    Die Provider schaffen es nicht, ihre Kapazitäten entlang der Strecken schnell genug auszubauen, denn die Nachfrage steigt im gleichen Maße (wenn nicht sogar schneller).

    Ging es früher nur darum, im ICE seine Mails abzurufen und die Antworten wieder rauszuschicken, musste es später ganz normales Surfen im Netz sein (einschließlich dem Durchklicken von Bilderstrecken) und jetzt plötzlich auch Streaming von Musik oder Downloads von Videos.

    Wir sollten wieder lernen, dass die hohen Downloadraten nicht überall und jederzeit zur Verfügung stehen. Für mich bedeutet das, dass ich mit einer Kombination aus Feedreader und Read-it-later-Dienst fast jeden Newsartikel mit wenigen Kilobyte aufs Smartphone bekomme. Und bei Wahl eines neuen Streamingdienstes wäre ein Offlinemodus eine sehr hohe Priorität. Ich zahle auch überall dort gerne einen monatlichen Obolus, wo mir so etwas ermöglicht wird.

  2. Kann ich leider nur bestätigen (auf der Fahrt von Ulm nach Wiesbaden über Stuttgart)..schlechte Einwahl, sehr geringe Bandbreite..da ist es wirklich besser -grade über Amazon Prime Video- die 48h Speicherfunktion zu nutzen und den Film zuhause zu laden. Oder gleich die Wunsch-DVD mit einpacken

  3. Wer fährt denn im Jahr 2016 noch mit der Bahn? Im Fernbus quer durch die Republik habe ich fast immer sehr guten Empfang mit dem Laptop und Surfstick. Das liegt u.a. daran, daß der Bus langsamer fährt als der Zug, und die Reiesegeschwindigkeit ist beim mobilen Surfen ein Problem.

    • Fahre seit einiger Zeit eigentlich wieder ganz gerne Bahn. Die Preise sind da echt ins Rutschen gekommen. Und Busfahren und dabei Lesen oder Surfen bekommt mir nicht (reisekrank), finde aber gut, was die Betreiber da aufgebaut haben und dass man da unterwegs besser surfen kann, wie du sagst!

      Du schreibst von einem Surfstick. Das Bus-WLAN ist nicht empfehlenswert?

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