Apple, Samsung und die Telekom wollen die SIM-Karte abschaffen, aber freut euch nicht zu früh

Apple, Samsung und die Telekom wollen die SIM-Karte abschaffen, aber freut euch nicht zu früh

Freiheit! Endlich! Der Jubel war im ersten Moment groß, als ich die Meldung vom vergangenen Wochenende sah: Apple und Samsung wollen in ihre künftigen Geräte die neue eSIM-Karte integrieren. Die ist fest im Gerät verbaut und kann im Prinzip umprogrammiert werden. Ein Providerwechsel wäre damit ohne neue SIM-Karte möglich, doch die eigentlich praktische Sache hat ebenso viele Nachteile und könnte die Nutzer gar noch mehr einschränken als bisher.

So meldete die Financial Times (Paid) am vergangenen Wochenende, dass die beiden größten Hersteller für Smartphones und Tablets – Apple und Samsung – schon ab dem kommenden Jahr Endgeräte mit eSIM-Chip verkaufen wollen und eine Reihe von Telekommunikationsunternehmen mitmachen will. Darunter auch die Deutsche Telekom und Vodafone.

Spätestens hier muss man stutzig werden. Die Telcos sind dafür? Vodafone hatte sich noch im Frühjahr gegen die Apple SIM gesperrt, die es dem Nutzer schon jetzt in aktuellen iPad-Modellen erlaubt, den Anbieter zu wechseln. Denn das ist der große Vorteil von eSIM und seinem Vorläufer Apple SIM: SIM-Karten müssen nicht mehr getauscht werden. Will man den Anbieter wechseln, bucht man diesen einfach elektronisch und die SIM wird entsprechend umprogrammiert. Kein fummeliges Tauschen der immer kleiner werdenden SIM-Karten mehr notwendig, denn eine eSIM ist fest verbaut. Praktisch, oder?

Achtung!

Nun, praktisch vielleicht, aber mit einem gravierenden Nachteil behaftet: Eine eSIM-Karte kann gar nicht mehr getauscht werden. Dem Provider, bei dem man das Gerät einmal kauft, hat also noch bessere Möglichkeiten als jetzt, den Kunden auf seine Tarife festzunageln. SIM-Lock, Netlock oder eine neue elektronische Alternative, die jetzt noch keiner kennt: Bald noch einfacher durchzusetzen für die Telcos dank der eSIM.

„Halt, nein“, werden jetzt Apple, Samsung und die Standardisierungs-Organisation GSMA schreien, „das ist nicht die Idee hinter der eSIM.“ Stimmt, man soll hier den Provider möglichst schnell wechseln können, keine langen Vertragslaufzeiten mehr eingehen müssen. Sollte das wirklich so kommen, dann dürfte das aber erst einmal mit gesalzenen Preisen einher gehen, wie das schon jetzt für Kurzzeitverträge in den meisten Ländern mit der Apple SIM der Fall ist. Wer einen langfristigen Vertrag abschließt, zahlt weniger. Oh Wunder.

Deutsche Telekom begeistert

Das zweite Indiz für mögliche Nachteile der eSIM ist die überraschende Begeisterung der Deutschen Telekom für das Thema. In einer eigenen Werbegrafik heißt es von ihr: „Die Zukunft spricht eSIM“. Mehrere Geräte wie Smartphones, Smartwatches oder die Bordkonsole im Auto lassen sich dann praktisch über einen einzigen Vertrag ansteuern. Multisim – eigentlich auch nichts Neues. Aber mit eSIM leichter möglich:

Telekom_e_SIM

Ich will es gar nicht schlecht reden, dass die Telekom endlich einmal Vorreiter bei etwas ist, statt immer nur der gefühlt Letzte, der etwas einführt. Aber der Telco-Gigant wird seine Rechnung da schon gemacht haben. Services für zahlreiche Endgeräte über einen Vertrag mit schickem Telekom-Branding: Hier hat der Ex-Monopolist die Möglichkeit einer besseren Kundenbindung. Verwerflich ist das nicht, aber echte Freiheit klingt denn auch wieder anders.

Zahlen pro Gerät

Und über einen weiteren Nachteil haben wir noch gar nicht gesprochen: Wenn der Austausch von SIM-Karten nicht mehr möglich ist, dann kann man auch nicht mal eben mit der gleichen Karte ein alternatives Handy testen oder einen Datenstick nutzen. Jedes Gerät müsste erst vom Provider freigeschaltet werden. Und das bietet Telekom und Co. die Möglichkeit, künftig pro Gerät abzukassieren, wo früher nur einmal gezahlt wurde. Auch das wäre keine wirkliche Freiheit.

Versteht mich nicht falsch: Eigentlich halte ich die eSIM für eine gute Sache. Ich bin kein Freund davon, alle zwei Jahre bei meinem Provider für 15 Euro eine neue SIM zu bestellen, weil das neue Smartphone wieder einen noch kleineren Standard verwendet. Und bei einem Providerwechsel sofort loslegen zu können ohne erst auf die Post mit der neuen SIM-Karte warten zu müssen, oder gleich am Flughafen auf den jeweils günstigsten Provider einbuchen – alles ungeheuer praktisch.

Aber ich befürchte, die Telcos werden hier noch sehr kreative Lösungen finden, um uns den Spaß zu verderben. Halten wir die Augen offen!

Grafik: Telekom. Das Beitragsbild zeigt noch eine „alte“ Micro-SIM-Karte.

Jetzt kommentieren!

Schreibe einen Kommentar

*
Bitte nimm Kenntnis von unseren Datenschutzhinweisen.