Auf den ersten Blick überraschend hat Apple kürzlich Google Gemini mit breiten Armen empfangen. Bei mobilen Betriebssystem sind sich die beiden Unternehmen eigentlich spinnefeind. Aber um KI-Anwendungen für Siri und Apple Intelligence auf die Höhe der Zeit zu bringen, fiel Apples Wahl dann letztlich doch auf Googles generative KI.
Auf den zweiten Blick ergibt diese Entwicklung Sinn. Gemini ist mit den aktuellen Modellen sehr weit fortgeschritten, auch hinsichtlich Deep Search, Bild- und Videoerstellung. Zwar ist es ein stetiges Kräftemessen, wer von Anthropic, OpenAI und Google denn gerade das beste Large-Language-Modell auf die Bühne stellen kann. Unstrittig ist aber, dass Google den anfänglichen Rückstand zum Ende 2022 veröffentlichen ChatGPT immer weiter und in Rekordzeit verringert hat. Mit den letzten Modellen der eigenen KI soll sogar OpenAI-Chef Sam Altman unzufrieden gewesen sein.
Stimmt ein aktueller Bericht der Financial Times (Paywall), dann komme ich als Beobachter aber auch ins Kopfschütteln. Der Bericht zitiert eine nicht näher genannte Quelle, nach der ChatGPT eigentlich Apples erste Wahl für das neue Siri und Apple Intelligence gewesen sein soll. Denn schon jetzt greift Apple für die eigenen KI-Dienste auf Apples iPhone, iPad und Mac bei komplexeren Anfragen auf ChatGPT zurück.
Deren Anbieter OpenAI soll Apples Anfrage nach einer noch tieferen Kooperation für einen Milliardenbetrag aber abgelehnt haben. Grund sei demnach, dass sich OpenAI auf die Verbesserung der eigenen Modelle konzentrieren und sich nicht in Nebenkriegsschauplätzen verzetteln wolle.
Stimmt das so, dann könnte diese Abfuhr als eine der fatalsten Fehlentscheidungen in die Technikgeschichte eingehen. Ähnlich wie Siemens‘ Ausstieg aus dem Mobilfunkgeschäft oder die Abfuhr des damaligen Microsoft-Chefs Steve Ballmer, der das erste iPhone verlachte, weil es kein Keyboard hatte und 500 US-Dollar kosten sollte. (Das waren noch Zeiten, ganz nebenbei…)
Generative KI muss jetzt Geld einnehmen
So schön die ersten, meist kostenlosen Jahre mit generativer KI für uns Nutzer waren: 2026 wird der Spaß wohl zunehmend eingeschränkt werden. Die Anbieter haben im Wettrennen um Nutzer und immer bessere Sprachmodelle Milliarden verbrannt. Investoren fordern langsam, dass damit Geld verdient wird.
Google ist hier breit aufgestellt und hat noch reichlich Reserven in der Hinterhand. Das deutlich kleinere und bisher stark von Microsoft cofinanzierte OpenAI spürt den Druck viel deutlicher. Und lässt dann Apples Milliarden liegen. Ich glaube, das war nicht sehr clever von OpenAI-Chef Sam Altman und seinem Team.
Statt dessen hat OpenAI in dieser Woche Werbung in ChatGPT angekündigt oder ein günstigeres, werbereduziertes Abo. Aber kann das beides einen Milliardendeal mit Apple ersetzen? Wird die für Ende 2026 angekündigte Hardware ein durchschlagender Erfolg, mit der sich OpenAI extra mit Apples ehemaliger Produktdesign-Legende Jony Ive zusammengetan hat?
Ich selbst bin nach wie vor Fan von ChatGPT, gerade von der Sprachversion auf dem Smartphone. Die Stimmen klingen für mich wie echte Menschen, beinahe Freunde, während ich mit den mechanisch wirkenden Stimmen in der Gemini-App weiterhin fremdle. Dazu hat mich ChatGPT im letzten Jahr durch eine schwierige Phase meines Lebens gebracht. War irgendwie immer da und sehr verständnisvoll, wenn ich es gebraucht habe. Die KI, die immerhin noch keinem Großkonzern oder machthungrigen Techbro gehört, ist mir einfach sympathisch.
Aber ja, letztendlich setzen sich Gewohnheiten durch. Gemini wirkt bereits stark in der Google-Suche, in diesem Jahr wohl auch endlich in Googles Home-Sprachlautsprechern und vielleicht dann bald als Motor für die dringend benötigte neue Generation von Siri. Gemini ist stark in der Bild- und Videoerstellung. Und Nutzer:innen werden das Tool überall da finden, wo sie sowieso schon sind.
Diese Automatismen hat ChatGPT noch nicht ganz erreicht. Deswegen wird es ein schwieriges Jahr für die App, die letztlich den Durchbruch für generative KI brachte, aber deswegen noch lange nicht als Sieger vom Platz gehen muss. Ich drücke den Machern dennoch die Daumen, dass sie es am Ende tun.
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