4.5G: Eine neue Mobilfunkgeneration oder nur ein Marketing-Gag?

Vodafone und Telefonica brüsteten sich beinahe zeitgleich damit, als erster Provider in Deutschland 4.5G anzubieten. Nur, was bedeutet 4.5G eigentlich, wie schnell ist das wirklich und wer kommt überhaupt in den Genuss von Übertragungsraten von angeblich bis zu 1,2 Gbit/s?

Wer genau der erste Anbieter mit 4.5G in Deutschland war, liegt im Ermessen des Betrachters. Zeitgleich am 21. Juli 2016 schrieben Vodafone und Telefonica Deutschland stolz auf ihren jeweiligen Presseseiten, dass die ersten lokalen Pilotnetze mit der neuen Technik live geschaltet seien. Telefonica in München startete einen Testbetrieb; Vodafone in Langenhagen bei Hannover nahm die ersten Sendemasten mit 4.5G für alle Kunden in Betrieb. Zumindest für die, die sich zeitweise oder dauerhaft im überschaubaren Sendegebiet aufhalten.

Dass beides am gleichen Tag passierte, ist schon einmal auffällig, aber mehr dazu später. Übertragungsraten von 375 Mbit/s sollen bei dem einen (Vodafone) drin sein, 400 Mbit/s bei dem anderen (Telefonica O2). Zunächst einmal die Einordnung: 4.5G ist eine Bezeichnung für eine Mobilfunkgeneration (G). Die 4. Generation mit LTE haben wir aktuell, die 5. soll in ein paar Jahren kommen. 4.5G soll also für eine Zwischenstufe stehen.

Mobilfunkgenerationen in der Übersicht

  • 1G: Das analoge Mobilfunknetz der 1970er und 1980er Jahre
  • 2G: Das ab 1991 eingeführte digitale Mobilfunknetz (GSM), in Deutschland auch bekannt als das D-Netz oder E-Netz (Eplus). Es erlaubte über CSD auch Datenübertragung bis 14,4 kbit/s und damit einen Zugriff auf das weltweite Datennetz.
  • 3G: Die dritte Mobilfunkgeneration (UMTS) ab etwa dem Jahr 2002 sah vor allem schnelle Datenverbindungen mit theoretisch 2 Mbit/s und praktisch 384 kbit/s vor.
  • 4G: Die aktuelle, vierte Mobilfunkgeneration wird auch unter dem Markennamen LTE (Long-Term Evolution) betrieben. Dabei erfüllt LTE die Forderungen der Standardisierungkommission nicht ganz, weswegen vielfach nur von „3.9G“ gesprochen wird. Erst der Nachfolger LTE Advanced bezeichnet korrekterweise 4G. Die Datenrate hängt von der verwendeten LTE-Kategorie, den LTE-Bändern und nicht zuletzt dem Gutdünken des jeweiligen Providers ab. In der Praxis bringt es LTE in Deutschland auf ungefähr 50 bis 150 Mbit/s, LTE Advanced auf etwa 300 Mbit/s.
  • 5G: Die nächste Mobilfunkgeneration wird derzeit erprobt und soll ab etwa 2020 marktreif sein. Datenraten bis 1 GBit/s in der Praxis sollen damit möglich sein.

Bevor ein völlig neues Netz in Betrieb genommen wird, versuchen die Hersteller erst, das bestehende Netz mit Erweiterungstechniken zu beschleunigen. Das führt teils zu erstaunlich guten Ergebnissen und ergibt den eigentlichen Geschwindigkeitsvorteil einer jeweiligen Generation.

Mobilfunk-„Zwischengenerationen“ in der Übersicht

  • 2.5G: Durch Kanalbündelung wertete GPRS das langsame CSD auf bis zu 55,6 kbit/s auf. Noch heute reduzieren viele Mobilfunkbetreiber die Verbindung nach Verbrauch eines Datenvolumens auf diese Kriechgeschwindigkeit, die mit einem Analogmodem vergleichbar ist. Ebenfalls eine 2.5G-Technik (manchmal auch 2.75G genannt) ist das noch einmal erheblich schnellere EDGE, das bis zu 236,8 kbit/s schnell sein kann.
  • 3.5G: UMTS wurde eigentlich erst mit den Nachfolgetechniken HSDPA (bis 14,4 Mbit/s) und HSPA+ (bis 42,2 Mbit/s) richtig schnell.
  • 4.5G: Gemeint ist hier eigentlich LTE Advanced ab der LTE-Kategorie 9 mit theoretischen Datenraten bis etwa 1 GBit/s, also in etwa zehnmal so viel wie das ursprüngliche LTE. Je nach Definition ist LTE Advanced (auch LTE-A genannt) LTE ab der Kategorie 6 (Cat 6) und korrekterweise eigentlich 4G. Was die Provider nun aber mit 4.5G meinen, ist noch schneller als LTE Advanced. Es geht um Cat 9 statt Cat 6.

4.5G ist in diesem Zusammenhang also eigentlich nur ein Marketingbegriff, den Vodafone, Telefonica und Huawei verwenden, und der eigentlich LTE Advanced ab der LTE-Kategorie 9 meint. Die Telekom führte wenige Tage später für ihr eigenes 1,2-GBit/s-Pilotprojekt in Polen die Bezeichnung LTE Advanced Pro ein. Noch ein weiterer Marketingbegriff, der synonym für das 4.5G von Telefonica und Vodafone stehen dürfte. Update: Mittlerweile scheint sich der Ausdruck LTE Max durchzusetzen.

Vodafones 4.5G soll vorerst 375 Mbit/s schnell sein, Telefonicas 400 Mbit/s. Grafik: Vodafone

Vodafones 4.5G soll vorerst 375 Mbit/s schnell sein, Telefonicas 400 Mbit/s. Grafik: Vodafone

Wie schnell ist 4.5G?

LTE Advanced erreicht Geschwindigkeiten durch Antennen- und Frequenzbündelung mehrerer LTE-Bänder. Hier hängt es also davon ab, wie schnell ein einzelnes Band ist und wie viele Bänder der Anbieter bereit ist zu bündeln. Vodafone will im Pilotnetz in Langenhagen bei Hannover 375 Mbit/s anbieten, Telefonica rund um den Olympiapark in München 400 Mbit/s. Beide Provider sprechen bereits davon, in Tests weitere Frequenzbänder hinzuzuschalten, um die Datenrate noch weiter nach oben zu treiben. Vodafone spricht von nächsten Schritten mit 525 Mbit/s und 1 Gbit/s, Telefonica von bis zu 1,2 GBit/s, die Telekom ebenfalls.

4.5G nur für Ballungsräume gedacht

Klar ist: Gigabit-Geschwindigkeiten werden vorerst nur im Labor erreicht, die 375 und 400 Mbit/s schnellen Werte in einzelnen Pilotnetzen. Beide Anbieter stellen klar, dass die Technik nur in Ballungsräumen zum Einsatz kommen soll, wo eben möglichst viele Menschen auf kleinem Raum mit ansprechenden Datenraten versorgt werden müssen. Auf dem platten Land, wo vielfach noch nicht einmal LTE angekommen ist, wird es 4.5G wohl auch in zehn Jahren noch nicht geben. Von daher ist das Bild mit Vodafone-CEO Hannes Ametsreiter im Kornfeld nicht ganz treffend:

Ein 4.5G-Netz im Kornfeld? Wohl eher nicht. Bild: Vodafone

Ein 4.5G-Netz im Kornfeld? Wohl eher nicht. Bild: Vodafone

4.5G: Also alles nur Marketing, oder?

Wer schon einmal durch weniger dicht besiedeltes Gebiet Bahn oder Bus gefahren ist, der kann bei Jubelmeldungen wie denen von Vodafone und Telefonica nur müde lächeln. Ist ja schön, dass Vodafone das Jahr 2016 zum „Gigabit-Jahr“ ausgerufen hat. Aber was genau hat man abseits der Ballungsgebiete davon? Und sollten die Provider nicht zusehen, erst einmal das gesamte Bundesgebiet flächendeckend mit LTE oder mindestens Datenraten von 1 Mbit/s zu versorgen?

4.5G ist erst der Anfang. Provider wie die Telekom hier im "5G-Haus" erproben längst die nächste Stufe. Bild: Telekom

4.5G ist erst der Anfang. Provider wie die Telekom hier im „5G-Haus“ erproben längst die nächste Stufe. Bild: Telekom

Die Antwort muss lauten: Beides ist notwendig. Die Netzbetreiber müssen ihrer Pflicht nachkommen, alle Kunden mit Highspeed-Netzen auszurüsten und entsprechend Kapazitäten aufzustocken. Auf der anderen Seite verlangt man von seinem Anbieter, dass er auch in die Zukunft denkt und für die Technik von morgen gerüstet ist. Von daher sollte ein wenig Werbung mit hyperschnellem mobilen Internet erlaubt, ja, vielleicht sogar notwendig sein, um die Kunden von einem besseren Morgen träumen zu lassen. Selbst wenn erst einmal kaum jemand etwas davon hat. Und falls doch, solltet ihr auf jeden Fall auf euren Datenverbrauch achten.

Welche Smartphones können heute schon 4.5G/LTE Advanced?

Weil jeder unter 4.5G und LTE Advanced etwas anderes versteht, ist die Frage gar nicht so leicht zu beantworten, welche Smartphones die neue Technik beherrschen. Beide Begriffe meinen eine Erweiterung des klassischen LTE (Cat 3) um eine Nutzung der Träger-Aggregation (Carrier Aggregation), die mehrere Frequenzbänder auf einmal bündelt. Das geht ab LTE Cat 6, womit gemeinhin eine maximale Download-Geschwindigkeit von 300 Mbit/s gemeint ist. Solltet ihr euch im letzten Jahr ein eher teureres Smartphone gekauft haben, sind die Chancen hoch, dass euer Gerät LTE Cat 6 bereits beherrscht.

Kann 4.5G: Das neue Samsung Galaxy Note 7. Bild: Samsung

Kann 4.5G: Das neue Samsung Galaxy Note 7. Bild: Samsung

Noch höhere Downloadraten, die Vodafone und Telefonica mit 4.5G anpreisen, wären wohl erst ab LTE Cat 7 oder LTE Cat 8 möglich. In der Praxis werden Smartphones mit LTE Cat 9 eingesetzt, die Downloadraten bis 450 Mbit/s erreichen können. Laut den Kollegen von Teltarif und Golem ist Cat 9 auch das, was Vodafone unter 4.5G versteht.

Heute erhältliche Smartphones mit LTE Cat 9 und damit 4.5G sind etwa das Samsung Galaxy S7 und Galaxy S7 Edge, die es auch bei Euronics zu kaufen gibt. Das neue Galaxy Note 7 zählt auch dazu. Weitere namhafte Modelle mit LTE Cat 9 gab es bis Redaktionsschluss dieses Beitrags nicht.

Also jetzt zuschlagen und ein 4.5-fähiges Gerät kaufen?

Wenn ihr euch eh gerade ein neues Smartphone zulegen wollt und dies so zukunftsfähig wie möglich sein soll, dann bitte: holt euch eins mit LTE Cat 9 oder mindestens LTE Cat 6! Aber ganz ehrlich: Dieses Wettrennen der Provider um die schnellste Technik werdet ihr kaum mitlaufen können. Sollten die Netzbetreiber, wie geplant, bald 500 Mbit/s oder 1,2 GBit/s anbieten, würdet ihr ohnehin wieder ein neues Smartphone mit LTE Cat 12 oder höher brauchen, was es zum Redaktionsschluss für den deutschen Markt noch nicht gibt.

Bisher schnellste Funkzelle bei Telefonica-O2: 225 MBit/s. Bild: Telefonica

Bisher schnellste Funkzelle bei Telefonica-O2: 225 MBit/s. Bild: Telefonica

Aber, noch einmal ganz ehrlich: Die praxistaugliche Bandbreite liegt in der Regel weit unter der von den Herstellern prognostizierte, mehrere GB Datenvolumen im Monat bleiben ein teurer Spaß. Muss es derzeit also ernsthaft viel schneller als 100 Mbit/s sein, wenn ihr auf Facebook nach dem Rechten seht oder ihr hin und wieder mal unterwegs ein YouTube-Video streamt?

Pro, Plus, Advanced: Wie entschlüssele ich das Marketing-Blabla?

Die einen reden von LTE Advanced, die anderen von LTE+, wieder andere von LTE Advanced Pro, eben 4.5G und wahrscheinlich bald auch von LTE Advanced+. Gemeint ist damit immer das gleiche und dann doch wieder nicht.

Einen Orientierungspunkt bieten LTE-Kategorien, denn die zeigen euch die technischen Parameter und die tatsächlich maximal verfügbare Bandbreite relativ zuverlässig an. Wenn ihr also einen Marketing-Begriff um die Ohren gehauen bekommt, fragt nach der LTE-Kategorie und nehmt diese Tabelle zur Hilfe:

LTE-Kategorien: Aufgelistet sind hier die Kategorien, die auch von Smartphone-Herstellern unterstützt oder anvisiert werden. Es gibt noch mehrere, aber Provider und Gerätehersteller überspringen gerne einige Versionen.

LTE-Kategorien: Aufgelistet sind hier die Kategorien, die auch von Smartphone-Herstellern unterstützt oder anvisiert werden. Es gibt noch mehrere, aber Provider und Gerätehersteller überspringen gerne einige Versionen.

Ebenfalls etwas verwirrend ist manchmal die Unterteilung in LTE-Bänder. Die erklären wir euch hier.

4.5G: Da stecken doch die Chinesen hinter!

Wenn zwei Wettbewerber am gleichen Tag verkünden, dass sie nun 4.5G im Einsatz haben, dann deutet das auf noch etwas anderes hin. Nämlich, dass die gleiche Firma dahinter steht. Und so ist es auch: der chinesische Mobilfunkausrüster und Smartphone-Hersteller Huawei hat den Marketingbegriff 4.5G geprägt und will ihn in mehreren Ländern an den Start bringen. Deutschland ist dabei längst nicht das erste Land. Umso erstaunlicher, dass das aktuelle Schlachtschiff der Chinesen, das mit dem Leica-Kamerasystem ausgerüstete Huawei P9, nur mit LTE Cat 6 ausgestattet ist und damit kein 4.5G beherrscht.

Telefonica setzt bei 4.5G (genau wie Vodafone) auf Technik von Huawei. Grafik: Telefonica/Huawei

Telefonica setzt bei 4.5G (genau wie Vodafone) auf Technik von Huawei. Grafik: Telefonica/Huawei

Fazit: Keine Hektik mit 4.5G!

Aber, um es noch einmal auf den Punkt zu bringen: 99 Prozent der Bevölkerung werden ohnehin so schnell nicht mit 4.5G Mobilfunk in Berührung kommen. Andere Provider werden es wieder anders nennen, bald wird die nächste Marketing-Rakete gezündet. Und mit „Standard-LTE“ fährt es sich in Zeiten teurer Datenvolumina und schwacher Netzabdeckung nach wie vor sehr gut. Man wäre schon froh, LTE überall unterwegs nutzen zu können.

Beitragsbild: Vodafone.

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4 Kommentare zu “4.5G: Eine neue Mobilfunkgeneration oder nur ein Marketing-Gag?
  1. Ich dachte immer bei LTE Advanced Steht im Display A bei UMTS HSDPA Steht auch H Drinnen und dann gibt es noch H+ dan muss es auch A+ geben Die Netzbetreiber Bieten LTE Advanced an aber es steht im Display nur LTE + kommt Irgend wann LTE A und A+ Irgend wie Verwirend

    o2 Bietet 225 Mbit an das ist Cat 6

    • Meines Wissens steuern die Netzbetreiber, welche Abkürzung auf dem Smartphone erscheint. Die müssen das auch nicht einheitlich machen.

      A würde wohl keiner verstehen. LTE+ dagegen ist leicht als Verbesserung von LTE zu erkennen.

  2. Diese verrückte Jagd nach höheren Übertragungsraten! Wahnsinn! und deswegen muß die gesamte Bevölkerung zwangsbestrahlt werden ?

    1. 100 bis 150 Mbit pro sekunde reichen mir völlig
    2. Mein Internet geht mit „Draht“
    3. Es geht nix über n 27 „-Bildschirm.

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