Neugieriges WhatsApp: Warum man sich jetzt noch einmal mit Alternativen beschäftigen sollte

WhatsApp gibt künftig eure Handynummer an Facebook weiter. Das Social Network will euch damit noch genauer identifizieren und Werbung an euch personalisieren. Wer das nicht will, hat jetzt noch einmal die Chance, sich Alternativen anzuschauen, bevor der Zug abgefahren ist.

Eigentlich sollte es keine Datenweitergabe zwischen den Diensten geben. Dass WhatsApp – vor zwei Jahren von Facebook übernommen – künftig aber doch die Handynummer an die Konzernmutter weitergibt, mag nicht überraschen. Es mag Nutzern auch nicht besonders gravierend erscheinen. Überlegt man sich, dass Facebook euer Profil damit nun eindeutig identifizieren kann, bekommt die Sache dennoch ein Geschmäckle.

Nicht nur Facebook, auch andere Unternehmen kennen eure Nummer

Der Online-Werbeprofi Stephan Noller macht das auf seinem Blog ein wenig anschaulicher:

“In Zukunft werden also Firmen, die irgendwo mal an eure Telefonnummer gekommen sind, mit einfachsten Möglichkeiten euch Werbebotschaften zustellen können und zwar personalisierte. Also wirklich im Sinne von ‘Mayer, warum sind sie gestern so schnell aus dem Laden gestürmt?'”

Der Fokus liegt hier auf “Firmen”, denn Facebook lässt auch Fremdwebsites und Mobilfunkdienstleister den eigenen Datenbestand nutzen. Wenn ihr heute schon nervige, unbestellte Werbung von eurem Mobilfunkprovider erhaltet, stellt euch darauf ein, dass diese nervige, unbestellte Werbung in Zukunft deutlich mehr auf eure Interessen eingeht, weil die Werbetreibenden mehr über euch wissen.

Als einziger umziehen geht nicht

Das wollt ihr dann doch nicht? Aber ehrlich Antwort: Es wird schwer, das noch aufzuhalten. Ihr könnt WhatsApp der Nutzung eurer Telefonnummer zu Werbezwecken widersprechen, aber die Telefonnummer wird in jedem Fall an Facebook weitergegeben. Wenn ihr das nicht wollt, dürft ihr den Nutzungsbedingungen nicht zustimmen, könnt dann aber WhatsApp in Zukunft nicht mehr benutzen. Nicht ganz so einfach in einer Zeit, in der vermutlich auch die meisten eurer Freunde und Bekannten primär über WhatsApp kommunizieren und das auch von euch erwarten.

Und doch ist es nicht unmöglich. Denn es gibt WhatsApp-Alternativen, die eure Telefonnummer nicht weitergeben, idealerweise sogar funktionieren, ohne die Telefonnummer abzufragen.

Der alternative Schweizer Messenger-Dienst Threema nutzt die Gunst der Stunde und ruft den Nutzern in einem aktuellen Blogeintrag sinngemäß “Hallo! Nutzt doch uns!” zu. Der Dienst spart natürlich nicht mit Seitenhieben gegen Facebook und die Aufweichung der Privatsphäre durch das Social Network. Zitat:

“Wenn man für ein Produkt nichts bezahlt, ist man selber das Produkt.”

Stolz berichtet Threema über dreimal so hohe Downloadzahlen am vergangenen Wochenende, ohne absolute Zahlen zu nennen:

Dreimal so viele Downloads: Threema-Grafik Ende August 2016.

Dreimal so viele Downloads: Threema-Grafik Ende August 2016.

Geschuldet wohl der Ankündigung der Nutzungsänderungen durch WhatsApp. Aus einer früheren Grafik von Threema geht hervor, dass das Wachstum der App eng mit den Datenschutzgebaren von WhatsApp und Facebook verknüpft ist:

Threema-Wachstum im Laufe der Jahre bis 2015. Grafik: Threema

Threema-Wachstum im Laufe der Jahre bis 2015. Grafik: Threema

Threema selbst muss sich vorwerfen lassen, mit Closed Source zu arbeiten, den Quellcode des eigenen Dienstes also nicht offenzulegen. Die Nutzer müssen auf Threemas Aussagen vertrauen, dass der Dienst die Daten nicht weitergebe. Ironischerweise stuft die Electronic Frontier Foundation (EFF) den Messenger deswegen auf einer Stufe mit WhatsApp ein. Die Verschlüsselung beider Dienste sei etwa ähnlich hoch. Allerdings: Threema operiert in der Tat ohne die Telefonnummer der Nutzer, kann diese also nicht zu Werbezwecken weitergeben.

Messenger im Vergleich

Auszug aus der EFF Messenger Scorecard. Grafik: EFF

Auszug aus der EFF Messenger Scorecard. Grafik: EFF

Die EFF stuft dutzende Messenger unter dem Aspekt des Datenschutzes in einer Matrix ein. Kaum ein Dienst schneidet dabei mit einer vollen Punktzahl ab. Nicht betrachtet wurde dabei der Aspekt der Weitergabe der Mobilfunknummer oder der Nutzung von Kontakten. Einige Messenger, die entweder die EFF oder wir etwas näher betrachten:

  • Signal von Open Whisper Systems. Das Projekt ist Open Source, Nutzerdaten werden laut der Initiative nicht gespeichert. Dafür erhält der Dienst Zugriff auf die Kontaktliste einer Nutzers und auch dessen Mobilfunknummer. Zumindest theoretisch kann Signal diese Daten also weitergeben.
  • Silent Phone wird von den Erfindern der Verschlüsselung PGP (Pretty Good Privacy) herausgegeben, verlangt eine Monatsgebühr von stolzen 10 US-Dollar für 100 MB Freivolumen. Zugriff auf Kontakte und Telefon-ID erhält der Dienst aber auch. Fraglich, ob er so eine praktikable Alternative zu WhatsApp darstellen kann.
  • Telegram, hinter dem einer der Gründer des “russischen Facebooks” VKontakte steht, erhält von der EFF erstaunlicherweise die volle Punktzahl. Dabei speichert der Dienst, der Verschlüsselung anbietet, Nachrichten in der Cloud, hat Zugriff auf Mobilfunknummer und Kontaktliste. Und auch wenn sich Telegram bisher als Rebell gegen die Datenschnüffelei durch Geheimdienste gegeben hat und unterstreicht, für immer werbefrei zu bleiben: der Service bleibt zwielichtig. Denn das teure Outfit und die Speicherung in der Cloud ist mit Kosten verbunden, die irgendwann durch irgend etwas wieder hereingeholt werden müssen. Allein mit einer hohen Reichweite dürfte das nicht zu machen sein.
  • ChatSecure vom Guardian Project (nicht verwandt mit der britischen Tageszeitung “The Guardian”), eine verschlüsselte Variante des quelloffenen Chatprotokolls XMPP: Die App erlaubt sich nur begrenzten Zugang zu Kontakten (können auf Wunsch des Nutzers einzeln hinzugefügt werden), speichert nichts in der Cloud und verzichtet auf ein Auslesen von Telefon-ID, -nummer und Standortdaten. Die App wird selten aktualisiert, datenschutztechnisch präsentiert sie sich aber eine der besten Lösungen.
  • Wire, ein auch von mir gerne benutzter quelloffener Client mit Servern in der Schweiz und hohem Funktionsumfang. Verschlüsselt Kommunikation, Nutzerdaten und Anrufe und verspricht, Daten niemals an die Werbewirtschaft zu verkaufen, speichert allerdings Unterhaltungen auch in der Cloud, hat Zugriff auf Telefon-ID, Mobilfunknummer und Kontakte. Der Dienst gibt an, derzeit von Investorengeld zu leben und in Zukunft Einnahmen über Premiumdienste zu generieren. Unklar ist jetzt natürlich, wie erfolgreich Wire damit sein kann und ob die Geschäftsidee langfristig geändert werden muss.

Eine Übersicht über weitere Messenger und ihre Vorzüge oder Nachteile findet ihr auf einer Messenger-Wertungsliste der EFF.

Keiner ist ohne

Wire wirbt (hier auf Twitter) damit, das bessere WhatsApp zu sein. Der Dienst lebt noch von Investorengeldern und will sich langfristig mit Premium-Diensten finanzieren.

Wire wirbt (hier auf Twitter) damit, das bessere WhatsApp zu sein. Der Dienst lebt noch von Investorengeldern und will sich langfristig mit Premium-Diensten finanzieren.

Zusammengefasst kann man sagen: Kein Dienst ist frei von ein paar Macken. Zwar heißt “kostenlos” nicht zwingend, dass der Nutzer selbst zur Ware wird, wie man das bei Threema formuliert. Meist hat man bei kostenlosen Diensten aber nur die Wahl zwischen neugierig (WhatsApp, Facebook), geringem Funktionsumfang (ChatSecure) oder intransparentem Geschäftsmodell (Telegram, Wire).

Von daher präsentiert sich Threema derzeit als eine der besten Lösungen. Hier zahlt man eine einmalige Gebühr, was fair ist, und weiß die eigene Identität und seine Daten danach größtenteils ins Sicherheit. Eine hundertprozentige Garantie dafür hat man natürlich nie. Und vor allem dürfte es schwer werden, alle seine Freunde zum Umzug auf einen kostenpflichtigen Dienst zu bewegen. Lohnen dürfte sich der Aufwand indes schon.

Zum Abschluss noch eine kurze Umfrage dazu…

Ich könnte mir vorstellen WhatsApp zu verlassen, wenn alle meine Freunde bei ... wären

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… und die Frage an euch: Welche Messenger benutzt ihr, welche haltet ihr für sicherer als WhatsApp und wohin könnten wir wechseln? Sagt es uns in den Kommentaren!

5 Kommentare zu “Neugieriges WhatsApp: Warum man sich jetzt noch einmal mit Alternativen beschäftigen sollte

  1. Threema ist bisher leider nur für Mobilgeräte erhältlich, Wire dagegen kann man schon auf den wichtigsten Plattformen nutzen, außerdem ist es gut gestaltet. Das große Problem ist nur, dass alle an Whatsapp kleben. Auch in der Familie ist Threema nach und nach wieder untergegangen, selbst iMessage wird kaum genutzt, weil man ja mit allen anderen über WA kommuniziert. Das wird sich wohl nur ändern, wenn WA irgendetwas verbockt, dass jeder Nutzer in der täglichen Kommunikation bemerkt. Schade.

    • Sehe ich genauso, im persönlichen Umfeld sind imessage, BBM, und Threema “eingegangen” weil WA einfach, vielseitig und plattformübergreifend funktioniert. Es ist für alle gut, schnell, bequem, vielseitig und kostenlos. Die Leute werden nicht mehr weg gehen. Leider wird sich kaum etwas daran ändern, auch wenn WA irgendwann zugibt alle Daten mit FB zu teilen. Einige wenige denen die Daten wichtig sind, werden die Masse leider nicht mehr bewegen. Was man machen könnte wären allumfassende staatliche Regelungen für Datentransfer. Aber wer will das schon, denn die Lobby ist stark, und der Staat die Hürden für Durchsichtigkeit leider eher abbaut.

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