Der stiehlt ihnen doch glatt die Show! Tyler Foster fängt den Kickoff und läuft mit dem Ei schnurgerade durch die Abwehrreihen der Rhein Fire. Jetzt ein Schlenker nach links, Foster läuft und läuft. Niemand scheint ihn stoppen zu können. Da! Der Cornerback von der Seite! Aber Fosters Mitspieler läuft an seiner Seite und blockt zwei Gegner weg. Foster sprintet weiter und ist nicht mehr aufzuhalten. Touchdown!
Unglaublich eigentlich: Fosters Team Berlin Thunder geht an diesem Nachmittag mit wehenden Fahnen unter, aber der bisher beste Spielzug kurz vor dem Ende stammt von ihm.

Ich bin mit einem Freund zusammen mit über 8.000 Fans in der Schauinsland-Reisen-Arena in Duisburg, in der die – eigentlich in Düsseldorf ansässigen – Rhein Fire die Berlin Thunder empfangen. Seit einigen Monaten berichte ich an dieser Stelle mittlerweile schon über Football in der ELF. Habe mir für dich die Regeln angeschaut, den Aufbau eines Teams, die Zusammensetzung der Liga, einige der Favoriten – und der Außenseiter. Nur zum Besuch eines Spiels hatte es bisher noch nicht gereicht. Höchste Zeit das zu ändern!
Spiel auf Augenhöhe? Leider gar nicht
Denn die ELF steht für gigantische Shows, eine tolle Atmosphäre auf den Rängen, pinke Cadillacs und „Sweet Caroline“-Gesänge. Dazu gilt die Saison 2025 als bisher spannendste überhaupt: An der Spitze kann beinahe jeder jeden schlagen. Und der amtierende Meister Rhein Fire schwächelt in dieser Saison leicht. Kurz vor Ende der Regular Season stehen bei den Düsseldorfern erst 5 Siege bei 4 Niederlagen zu Buche. Beim Gast aus Berlin 3 Siege, 6 Niederlagen. Ein Spiel auf Augenhöhe also? Nein, mal so gar nicht…
Denn bereits vom Fleck weg sind die Rhein Fire drückendst überlegen, geben den Football kaum mal aus der Hand und erzielen nach drei Minuten bereits den ersten Touchdown. Der Gegner aus Berlin wirkt heillos überfordert. Kaum hat ein Spieler der Thunder den Ball, schmeißen sich mehrere Gegenspieler auf ihn. Hohes Pressing würde man das im Fußball nennen. Düsseldorf ist klar am Drücker und die Stimmung ist hervorragend.

Schon beim Gang ins Stadion kommen uns bunt kostümierte Fans in lila Rhein-Fire-Tirkots entgegen, Frauen im Rockabilly-Dress, Männer mit lila gefärbten Haaren. Ein Typ mit Punkerfrisur und bunt geschminktem Gesicht. Oder ist das sogar eintätowiert? Wundern würde es mich nicht.
Aus dem Stadioninneren dröhnt der Bass. Hier hat bereits eine Vorab-Show mit den Cheerleading-Teams begonnen. Tanz und Musik. Das Maskottchen klatscht die Spieler ab. Am Getränkestand lässt uns ein Rhein-Fire-Fan vor und stößt danach mit uns an. Das muss der viel zitierte Zusammenhalt bei einem Football-Spiel sein.
Und dann geht es auch schon los: Wir haben gerade unsere Plätze eingenommen, da bilden die Cheerleader und die Bases ein gigantisches Spalier. Aus den Lautsprechern dröhnt „Sirius“ vom Alan Parsons Project, lila-weiße Nebelschwaden liegen in der Luft, und dann – nach einer ewig scheinenden Kunstpause – laufen die Spieler der Rhein Fire auf den Platz. Die Fans spenden Jubel, hunderte Tröten rahmen das Geschehen ein. Es erinnert ein wenig an die Vuvuzela-Orchester bei der Fußball-WM 2010 in Südafrika, nur weit weniger penetrant.
Gewöhnungsbedürftig: Auch ein Wachbataillon der Bundeswehr hat Aufstellung genommen (warum?), ein Feuerwehrmann singt – ganz America-like – die Nationalhymne. Hier natürlich die deutsche.
52:0 zur Halbzeit?! Wo ist eigentlich der Gegner?
Die Spieler machen sich bereit zum Kickoff, die Cheerleader teilen sich in vier Gruppen auf – um den Fans vor jeder Ecke des Stadions einzuheizen. Nach dem ersten Viertel – es steht bereits 19:0 – rotieren die Cheerleader-Teams. Die jungen Frauen (und teils auch männliche Bases) geben am Spielfeldrand richtig Gas, legen eine Showeinlage nach der anderen aufs Parkett, bilden Pyramiden, zeigen Soli, machen praktisch pausenlos Show und versprühen durch ihr Lächeln gute Laune. Nur längst nicht jeder im Stadion lässt sich davon anstecken.
Im zweiten Viertel kommt es noch viel schlimmer für die Thunder, denn Rhein Fire macht jetzt richtig ernst. Die Düsseldorfer lassen ihren Gegnern gar keinen Fußbreit mehr Platz, geben den Ball nicht mehr aus der Hand und kommen humorlos, nicht selten gleich beim ersten Versuch, direkt zum Touchdown. Und dann zu noch einem und noch einem…
„Waren die Berliner in der ersten Hälfte überhaupt mal in der 30-Yard-Zone des Gegners“, fragt sich mein Kumpel laut. Ich glaube nicht. Fünf Touchdowns gelingen den Rhein Fire alleine im 2. Viertel. 33:0 das Punkteverhältnis alleine in diesem Abschnitt. Die Düsseldorfer können mit ihrem Gegner machen, was sie wollen. 52:0 der Halbzeitstand. Keine Frage: Das Spiel ist entschieden. Und ich erinnere mich noch einmal an meine Kolumne vor einigen Wochen, in der ich die Frage aufwarf, ob ein Football-Spiel eigentlich auch dreistellig ausgehen könnte. Würden wir den Halbzeitstand verdoppeln, wäre das der Fall.
Aber dazu kommt es natürlich nicht. Denn ob es daran liegt, die eigenen Spieler nicht zu überanstrengen oder den Gegner – ganz gentlemanlike – nicht vollends zu demütigen: Auf jeden Fall schalten die Rhein Fire im 3. Viertel zwei Gänge runter, beschränken sich auf kluge Defensivaktionen. Berlin kriegt auch so nichts auf die Reihe, und so steht es kurz vor Ende des 3. Viertels immer noch 52:0.
Team entspannt sich, Cheerleader rocken
Doch halt, ganz ohne Punkt ein Viertel verstreichen lassen – das wollen die Rhein Fire dann offensichtlich doch nicht. Nur Sekunden vor Ende des Viertels sind sie erstmals bis auf 30 Yards nahe der Endzone des Gegners in guter Angriffsposition. Aber für einen Touchdown ist die Zeit schon zu knapp. Das Team entscheidet sich zu einem Field Goal Attempt – und der gelingt! Ein kluger Schachzug, der zum 55:0 führt.

Das war nun ein Viertel mit weniger spannenden Spielzügen. Wir fragen uns, ob die Cheerleader, die beinahe pausenlos durchtanzen und dazu mittlerweile auf elegante Abendgarderobe gewechselt sind, gerade nicht viel mehr Kalorien verbrennen als die Spieler auf dem Feld.
Und da ertönt es: „Sweet Caroline“ in der Playback-Version. Die Fans sollen mitsingen und viele schaffen das auch. Aber nicht alle scheinen über die Maßen textsicher. Der Gesang ist kaum zu verstehen. Ich hatte mir das noch schöner vorgestellt.

Bei einem so hohen Spielstand ist die Spannung nun auch irgendwo raus. Und weil zudem alle paar Sekunden das Spiel stoppt, wird es zeitweise fast ein wenig langweilig.
Das Spiel unterbricht sogar gelegentlich für eine Werbeunterbrechung. Ein lokaker Brausehersteller immerhin gibt die Werbezeit an die Fans weiter. Eine Dancecam holt die am eifrigsten feiernden Fans auf die Anzeigetafel. Die dazu passende Kisscam animiert Zuschauerpaare zu ein wenig Zuneigung – wir erinnern uns an die weitreichenden Folgen einer solchen Szene auf einem Coldplay-Konzert, der mittlerweile berühmten Kisscam-Affäre vor einigen Wochen…

Zum Schluss noch was aufs Auge
Aber gelangweilt wollen die Rhein Fire ihre Fans offenbar nicht nach Hause schicken. Das dritte Viertel des längst entschiedenen Spiels einmal zum Durchatmen verwendet, zum Abschluss aber sollen noch ein paar Eye Candies folgen. Kaum drei Minuten gespielt im letzten Viertel, da gelingt Wide Receiver Clemens Schuldt noch ein Touchdown. Gefolgt vom oben beschriebenen Durchlauf von Foster, der gleichzeitig Berlins einzigen Punktgewinn markiert.
Kann passieren, aber not on our watch, denken sich die Düsseldorfer offenbar. Das letzte Wort sollen die Rhein Fire haben. Chauncey Moore fängt einen Punt des Gegners und läuft damit schnurstracks Richtung Endzone der Thunder. Seine Mitspieler blocken die Gegner weg, niemand scheint ihn stoppen zu können. Das gibt’s doch nicht! Es sieht fast aus wie die Kopie von Fosters spektakulärem Lauf einige Minuten zuvor, nur diesmal auf Düsseldorfer Seite und fast noch schöner anzuschauen. Touchdown Moore! Ein krönender Abschluss!
Mit 69-7 schicken die Rhein Fire die bedauernswerten Berlin Thunder schließlich nach Hause. Rekordverdächtig. Allerdings kein tatsächlicher Rekord, denn mit exakt dem gleichen Ergebnis haben die Rhein Fire die Hamburg Sea Devils letzte Saison schon einmal besiegt. Und die Cologne Centurions verlieren Woche für Woche oft noch höher… aber ich reite jetzt nicht schon wieder darauf herum.
Football – ein etwas anderes Erlebnis
Am Ende ist es ein etwas anderes Erlebnis. Mein Kumpel und ich sind nach dem Spiel hin- und hergerissen. Etwas über 3 Stunden hat das Spiel gedauert. Es hatte fulminante Spielzüge, bei denen es uns nicht mehr auf den Sitzen hielt. Und dann auch wieder Längen. Und die ständigen Unterbrechungen nerven, besonders dann, wenn die Stimmung eben gerade nicht auf dem Siedepunkt ist und dem Spiel durch eine Pause dann noch zusätzliche Energie genommen wird.

Da unterscheidet sich Football am Ende nicht großartig vom Fußball. Unterbrechungen jeglicher Art, starke Vorstöße, beißende Spannung im Strafraum – aber oft genug eben auch langweiliges Geplänkel im Mittelfeld. Das Spiel stoppt auch im Fußball oft genug, nur die Uhr nicht.
Wir werden uns nochmal ein Football-Spiel anschauen, da sind wir uns beide nach dem Spiel einig. Sicher wäre ein Duell zweier Gegner auf Augenhöhe noch sehr viel spannender gewesen. Aber das war heute einfach nicht der Fall. Macht nichts. Es war auch so schön.
Wie verlief die 11. Spielwoche?
Überraschung! Frankfurt Galaxy besiegt die bis dahin ungeschlagenen Nordic Storm mit 35-20. Ich hatte schon erwartet, dass die Storm nicht alles gewinnen würden, aber ausgerechnet gegen die in dieser Saison nicht immer überzeugenden Galaxy – das hatten wohl die wenigsten auf dem Zettel.
Weitere Überraschungen sehen wir dafür nicht. Die Vienna Vikings gewinnen standesgemäß in Fehervar mit 53-16. Paris zersägt die Cologne Centurions einmal mehr mit 74-7. Und auch den Raiders Tirol gelingt bei den Madrid Bravos beim 28-54 kein Lucky Punch.
München schafft den Arbeitssieg gegen Wroclaw: 34-14. Prag gewinnt unerwartet hoch mit 60-20 in Wil bei den Helvetic Mercenaries. Und Stuttgart zertrümmert die Hamburg Sea Devils deutlich mit 48:0.
Nun ist kein Team mehr ungeschlagen: Kopenhagen (Nordic Storm) zählt damit ebenfalls 9:1 Siege wie München und Wien. Stuttgart lauert dahinter mit 8:2-Siegen. Gute Chancen auf eine Wild Card haben Madrid (7:3), Paris (7:3), immer noch Düsseldorf (6:4) und jüngst überraschend auch Prag (6:4).
Was erwartet uns in der 13. Spielwoche?
Auf 11 folgt 13? In diesem Falle ja. Die 12. Woche seit Saisonbeginn war die so genannte „Bye Week“, eine kleine Pause für die Spieler, die Woche für Woche buchstäblich ihre Knochen hinhalten. Auch unsere Kolumne hat deswegen eine Woche pasuert. Weiter geht es also mit der 13. Spielwoche.
| Datum | Away | Home |
|---|---|---|
| 09.08.25 | Berlin Thunder | Fehervar Enthroners |
| 09.08.25 | Stuttgart Surge | Cologne Centurions |
| 09.08.25 | Wroclaw Panthers | Vienna Vikings |
| 09.08.25 | Helvetic Mercenaries | Paris Musketeers |
| 10.08.25 | Hamburg Sea Devils | Nordic Storm |
| 10.08.25 | Madrid Bravos | Munich Ravens |
| 10.08.25 | Frankfurt Galaxy | Prague Lions |
| 10.08.25 | Raiders Tirol | Rhein Fire |
Ein echter Leckerbissen erwartet die Fans in München: Die sehr guten Munich Ravens gegen die sehr starken Madrid Bravos. Rhein Fire wird es mit den Raiders Tirol diesmal um einiges schwerer haben als mit den Berlin Thunder. Frankfurt könnte in der aktuellen Form auch für Prag zum Stolperstein werden – und die letzte Chance auf eine Wildcard wahren. Und auch Wroclaw will versuchen, dem Favoriten Wien ein Bein zu stellen. Daran dass das gelingt, glaube ich aber nicht.
Alle anderen Spiele versprechen dafür wenig Überraschungen. Berlin ist Favorit bei den noch sieglosen Fehervar Enthroners. Hamburg ist klarer Außenseiter bei den Nordic Storm. Die Helvetic Mercenaries müssen in Paris aufpassen, nicht unter die Räder zu geraten. Dass den Cologne Centurions gegen Stuttgart genau das passieren wird, ist beinahe schon ausgemacht: Es ist das Rückspiel der historischen 7:88-Niederlage.
Wer präsentiert die 13. Spielwoche?
