Kommentar: Die Angst vor Google Glass ist unbegründet

Mit einer großen Verkaufsaktion und einem Software-Update meldet sich Google Glass zurück. Nachdem bereits Gerüchte die Runde machten, Google habe die Entwicklung an der Datenbrille zurückgestellt, konnten Amerikaner für einen Tag das teure Gadget kaufen, ohne ein kompliziertes Auswahlverfahren bewältigen zu müssen. Doch die Meinungen zu Glass sind zweigeteilt und sogar Übergriffe auf Glass-Nutzer gibt es.

Google Glass findet man entweder interessant, man hasst es oder man kennt es nicht. Kein Gadget hat in den vergangenen Jahren eine solch gleichermaßen positive wie negative Reaktion in der Bevölkerung ausgelöst. Und jetzt wird sie vermutlich noch intensiver werden, denn Amerikaner hatten für einen Tag die Möglichkeit Google Glass normal zu kaufen, ohne sich bewerben zu müssen. Oben drauf gab es dann noch ein großes Update auf Android KitKat. Fotos werden bei Google Glass nun tageweise zusammengefasst, sodass man sich ein mühseliges Gescrolle durch sein Album erspart und einfach durch die einzelnen Tage flippt. Fotos lassen sich mit Nachrichten zusammen verschicken. Bilder lassen sich jetzt auf Google Plus auch mit Communitys teilen. Auf die Videotelefonie müssen die User aber vorerst verzichten, denn laut Google erfüllte sie nicht die Qualitätsansprüche des Konzerns und sei ohnehin kaum genutzt worden. Sie soll zu einem späteren Zeitpunkt wieder zurückkehren.

Glass ist wie ein Smartphone, das man im Gesicht trägt

Eigentlich kann Google Glass genau das, was unsere Smartphones auch können – nur ein bisschen schlechter. Unsere Smartphones machen Videos, Fotos und beherrschen dank verschiedener Apps Augmented Reality. Das Ganze kann Google Glass auch, aber hier ist Glass dem Smartphone unterlegen: niedrigere Auflösung des „Displays“, spartanische Gestaltung des Interfaces und ein schwacher Akku. Das ist für Glass im speziellen gar kein Problem, immerhin befindet es sich noch in der Entwicklung. Es erklärt aber, dass viele radikale Glass-Kritiker überhaupt keine Ahnung davon haben, was sie da eigentlich kritisieren. Das Bild, das sie von Glass zeichnen, entspricht nicht dem, was Google verkauft.

Angst verkauft sich gut

Um zu verstehen, wieso Google Glass auf viele Menschen so bedrohlich wirkt, muss man einmal analysieren, wie Bedrohungsszenarien und Ängste entstehen. Medien haben sich in den letzten Jahrzehnten sehr gut darin verstanden, Ängste zu schüren. Der Mensch hat am meisten Angst vor der Ungewissheit. Wenn er etwas nicht versteht oder einschätzen kann, macht es ihm Angst. Das ist ein beliebtes Mittel, um eine hohe Auflage oder hohe Einschaltquoten zu erzielen. Wir leben in einem Zeitalter der Angst, weil uns gesagt wird, dass wir Angst haben müssen. Wenn es keine Bedrohung gibt, wird sie heraufbeschworen. Jedes Gewitter ist in den Medien das „Jahrhundert-Unwetter„. Jeder Winter mit etwas mehr Schnee ist der „Jahrhundert-Winter„. Grippe-Wellen werden von „Killer-Viren“ verursacht und mehr als zehn Erkrankte bedeuten bereits „schlimme Epidemien“. Angst macht Leute (über)vorsichtig und lähmt sie in ihrer selbstständigen Entscheidungsfähigkeit. Sie hören lieber dem zu, der ihnen von der Bedrohung erzählt, aus Angst, die Bedrohung nicht richtig einschätzen zu können. Doch die Bedrohungen sind oft konstruiert. Die Angst ist aber real. Ein Mensch der Angst hat, macht viel – er wird sogar anderen Menschen gegenüber gewalttätig, obwohl diese ihm nichts getan haben.

Diese Angstspirale, in der wir uns befinden, funktioniert deswegen so gut, weil unsere Welt in einem stetigen Wandel ist. Immer wieder kommen neue Entwicklungen auf den Markt und wenn man nicht Technik-affin ist, kann man schnell den Überblick darüber verlieren, wie der aktuelle Stand der Technik ist, wie die Technik heute funktioniert und welche Gefahren und Chancen mit ihr kommen.

Nun tendieren die Menschen leider dazu, den Leuten Glaubhaftigkeit nachzusagen, die mit der Angst der Menschen ihr Geld verdienen und damit werben, als Einzige mutig genug zu sein, um die Wahrheit auszusprechen. Das dies nicht immer die beste Idee ist, sehen wir an vielen vergangenen Entscheidungen, bei denen es um technischen Fortschritt ging.

Im Zentrum der Angst und Unsicherheit ist nun auch Google Glass. Der Brille wird nachgesagt, ein Überwachungsgerät zu sein, das unbescholtene Menschen auf der Straße filmt und die Daten in einer Datenbank speichert, damit Menschen immer und überall erkannt werden können, je nachdem wo sie sich bewegen.

Überwachung kommt nicht durch Google Glass, sie ist schon lange da

Es tut mir leid, diese Menschen nun enttäuschen zu müssen, aber das ist unsere Realität, in der wir uns auch bereits vor Google Glass befanden. Viele Straßenzüge in der Welt werden jetzt schon überwacht. Man kann sich in Städten kaum mehr bewegen, ohne in eine Überwachungskamera zu laufen. Unsere Kleidung ist mit Mikrochips versehen, die ausgelesen werden könnten. So könnte man Bewegungsprofile erstellen, weil jedes Kleidungsstück im Normalfall einer Person zugeschrieben werden kann. Wir teilen Bilder und private Gedanken, Telefonnummern, Gespräche im Internet. Wir erlauben Facebook und Google die Gesichtserkennung auf Fotos, weil’s so schön praktisch ist und sind deswegen schon lange Teil vieler Datenbanken.

Das alles ist seit vielen Jahren Realität. Doch darüber redet man kaum, denn in den Köpfen der Leute ist Google Street View noch immer die Live-Überwachung der Vorgärten und Google Glass die Überwachungsbrille, die technisch für so etwas nicht einmal geeignet wäre – anders als das Smartphone, das jeder mit sich trägt. Ein Smartphone das meist zwei Kameras hat und das gehackt alle Gespräche in einem Raum aufnehmen könnte. Einem Raum in dem vielleicht sogar eine Spielkonsole mit Sprachsteuerung steht, die alle Gespräche mitbekommt, damit sie sich auf Zuruf anschalten kann – weil es ja so schön praktisch ist. Eine Spielkonsole, die Personen vor dem Fernseher scannt und biometrisch einordnen kann. Offiziell zur Alterskontrolle und zum Abrechnen von Filmen, die pro Person berechnet werden sollen.

Aber wir haben Angst vor Google Glass, eine Brille die ihrem Ruf als ultimatives Überwachungsinstrument gar nicht gerecht werden kann. Eine Brille, die das tun soll, was so viele Geräte in all unseren Haushalten bereits können und vermutlich sogar tun.

Datenschutz ist wichtig. Die Rechte jedes einzelnen Menschen sind wichtig. Die Dämonisierung eines Gadgets oder einer Firma sind sicher nicht der richtige Weg. Solang wir unsere Freiheit aufgeben, weil es ja so schön praktisch ist, sollten wir vielleicht einmal unseren eigenen Lebensstil überdenken. Vor allem bevor wir Leuten auf der Straße auf die Nase hauen, weil sie eine Technik verwenden, die wir nicht verstehen und die uns deswegen Angst macht.

Glass spielt für Überwachung keine Rolle

Die Weiterentwicklung dieser Brille kann auch ich nicht voraussehen, aber in der tatsächlichen und realen Überwachung, der wir jeden Tag ausgesetzt sind, spielt sie vermutlich die kleinste Rolle. Ich erwische mich selbst machmal dabei, dass ich mir die alte – einfachere Welt zurückwünsche. Meist dann, wenn etwas Technisches in meinem Haushalt streikt und ich mir denke „früher hatte ich solche Probleme nicht“. Aber wir dürfen auch nicht vergessen, dass der technische Fortschritt nicht nur negative, sondern auch positive Effekte hat. Im medizinischen Bereich machen wir dank der Technik Fortschritte, im privaten Bereich und auch im Beruf.

Auch Google Glass hat hier seinen Anteil und kann uns im Alltag helfen. Und selbst die verhasste Gesichtserkennung – die Google mit Glass nativ nicht einmal unterstützt – würde einigen Menschen helfen können.

Eine Entwicklung, die einmal angestoßen wurde, lässt sich nicht aufhalten. Google Glass wird sich nicht verbieten lassen – genauso wenig wie der Tonfilm, Bikinis oder schlechte Remakes beliebter Filme. Wir können uns dem entweder entziehen und ewig in Angst vor dem leben, was als nächstes kommen kann oder wir gehen mit der Zeit, informieren uns und schätzen Gefahren selbst und realistisch ein, anstatt uns das Denken von anderen abnehmen zu lassen.

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