Kommentar: Protest der Taxiverbände gegen ihren unvermeidlichen Untergang

Europaweit haben in dieser Woche Taxifahrer gegen eine neuartige Konkurrenz demonstriert und gestreikt. Namentlich sind das vor allem die US-Dienste Uber und Lyft, die Fahrten an Taxis vorbei vermitteln. Doch auch das junge Hamburger Startup WunderCar bekam dabei sein Fett weg. Der Kampf wird allerdings noch lange nicht entschieden sein und zu gewinnen ist er für die Taxifahrer und -verbände nicht. Ein Kommentar.

Vergangenen Dienstag ging in und um die Stadt Düsseldorf gar nichts mehr: Ein Unwetter hatte für derart viele Probleme auf den Bahn-Trassen gesorgt, dass für mehrere Stunden kein Zug, keine S- und U-Bahn oder Tram in der Stadt fuhr. Fahrgäste mit dem Ziel, die Stadt zu verlassen, reihten sich vor dem Hauptbahnhof ein, wo ein Bahn-Mitarbeiter mit Megafon sie in Taxis vermittelte – dieser Autor war gerade nach einem zweiwöchigen Urlaub am Düsseldorfer Flughafen gelandet und deswegen zufällig vor Ort. „Vier Fahrgäste nach Köln!“, rief der Mitarbeiter in die Menge und im ähnlichen Wortlaut auch für andere Nachbarstädte: „Drei nach Aachen!“, „Zwei nach Erkelenz“. Die Organisation klappte schleppend aber geordnet. Dann auf einmal eine ungewohnte Durchsage: „Hier ist ein Privatmann, der in seinem Auto freiwillig zwei Leute bis nach Köln mitnehmen möchte.“ Zum ersten Mal an diesem Morgen applaudierte die Menge und zollte dem selbstlosen Fahrer Respekt.

Lässt sich der technische Fortschritt überhaupt aufhalten?

Symptomatisch steht diese Szene wohl für den Protest der Taxifahrer, der in dieser Woche in vielen Städten Europas aufbrandete. Egal ob in Paris oder Berlin: Taxifahrer demonstrierten und streikten, um gegen die neuartige Konkurrenz aus dem Netz zu protestieren. Uber und WunderCar vermitteln Fahrten an den Taxifahrern und -diensten vorbei. Plötzlich kann jeder Privatmann, der ein Auto sein Eigen nennt, genauso gut Personen befördern. Die Dienste vermitteln die Fahrten per App, die Taxi-Industrie bangt um ihr Geschäft – die Fahrer um ihre Lebensgrundlage.

Uber-Startseite: "Wir bewegen Menschen"

Uber-Startseite: „Wir bewegen Menschen“

Der Protest ist also verständlich – wie immer, wenn Arbeitsplätz auf dem Spiel stehen. Und der Zuspruch der Politik ist derzeit eher auf ihrer Seite. Die Hamburger Wirtschaftsbehörde etwa erwirkte ein Verbot gegen das dort ansässige WunderCar. Begründung: Hier beförderten Autofahrer andere Fahrgäste, ohne einen Beförderungsschein dafür zu haben, der in vielen Ländern dafür notwendig ist. WunderCar vermittle diese Fahrten nicht kostenlos, sondern die Fahrgäste sollten nach der Geschäftsstruktur des Startups ein so genanntes Trinkgeld an die Fahrer zahlen. Das sei praktisch unerlaubter Wettbewerb, heißt es von der Stadt. WunderCar allerdings sieht es anders, will trotz des Verbots weiterfahren – und nahm demonstrativ sogar noch einmal neues Investitionskapital auf.

Taxifahrer können mehr, aber ist das immer notwendig?

Uns tut es sehr weh, es den Taxiverbänden und -fahrern sagen zu müssen: Aber in Zeiten, in denen sich jeder Autofahrer für wenig bis kostenlos ein Navi kaufen oder eine entsprechende Software auf sein Smartphone herunterladen kann: Braucht es da wirklich für jede Personenbeförderung zwingend noch ein Taxi? Ich denke: nein.

US-Mitbewerber Lyft: "Dein Freund mit dem Auto"

US-Mitbewerber Lyft: „Dein Freund mit dem Auto“

Ja, natürlich: Taxifahrer sind geschult. Sie können mehr als einfach nur einen Fahrgast einsteigen lassen, ihn sicher von A nach B chauffieren und vielleicht noch seinen Koffer tragen. Sie erledigen auch Krankentransporte, sie sind zeitlich flexibler als Uber und Wundercar. Sie stehen für sichere Beförderung und sie bringen den Fahrgast flexibel dorthin, wo er möchte, egal wie weit, egal, wie abgelegen. Und nicht zuletzt warten Taxis sehr oft schon dort, wo man sie braucht, etwa vor Bahnhöfen. WunderCar, Lyft und Uber werden es schwer haben, den gleichen Komfort mit ungeschulten Autofahrern anzubieten.

Wie oft braucht es wirklich geschultes Taxi-Personal?

Dann wiederum stellt sich die Frage: Wie oft braucht es wirklich geschultes Personal und wie oft muss man dann doch ein Taxi erst über die Zentrale bestellen? Wenn es einfach nur darum geht, Normalsterbliche von A nach B zu befördern – ohne Krankentransport, vielleicht auch ohne all zu schweres Gepäck: Kann dann nicht jeder Privatmann, der ja praktisch mit der Führerscheinprüfung das Recht erwirbt, Fahrgäste mitzunehmen, genauso gut diesen Dienst übernehmen?

Noch im Aufbau, schon verboten: WunderCar

Noch im Aufbau, schon verboten: WunderCar

Dank eines Navis bedarf es keiner Ortskenntnisse mehr. Das Vertrauen, das man an einen Taxifahrer stellt, könnten Uber und WunderCar mit einer Bewertungsmatrix ebenso gut erschaffen. Und die Möglichkeit, schnell auf Beförderungswünsche zu reagieren und sich damit etwas hinzu zu verdienen, dürfte für viele zeitlich flexible, vielleicht auch arbeitslose Menschen, lukrativ erscheinen. Taxifahrer ist leider ein Beruf, der sich technisch recht leicht ersetzen lässt. Der technische Fortschritt wird sich hier kaum aufhalten lassen, langfristig auch nicht von der Politik.

Protest gegen das Unvermeidliche?

Und so wird das Personenbeförderungs-Gewerbe nach dem Aufruhr, den MyTaxi in den Taxizentralen ausgelöst hat, zum nächsten Schlachtfeld. Verbände klagen gegen Uber, Lyft und WunderCar, erwirken in manchen Städten auch deren Verbot. Doch die Startups geben sich davon unbeeindruckt, machen einfach weiter, weil sie schwer zu kontrollieren sind und sammeln weitere Fördergelder ein, um ihr Geschäft weiter auszubauen. Am Ende dürften die Startups diesen Kampf gewinnen, weil die Technik einfach auf ihrer Seite ist.

Neuer Mitbewerber Hitch: "Noch billiger als Uber"

Neuer Mitbewerber Hitch: „Noch billiger als Uber“

Genutzt haben die Proteste der Taxifahrer dann eher wenig, sie haben sogar das Gegenteil bewirkt: Nach den Streiks in zahlreichen Städten stiegen viele frustrierte Fahrgäste erst recht auf die alternativen Dienste um. Uber vermeldete dank der hohen Publicity bis zu elfmal mehr Fahrgäste als üblich in bestreikten Städten wie Paris und Barcelona.

In den USA hat sich derweil bereits ein neues Ridesharing-Startup auf den Weg gemacht: Hitch wirbt damit, nur halb so teuer zu sein wie Uber.

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