Lasst uns wenigstens den Klinkenstecker!

Trendblog-Redaktionsleiter Jürgen Vielmeier hat genug vom Klinkenstecker. Frank Müller dagegen möchte ihn noch lange erhalten und nennt ein paar Gründe dafür.

Apple hat schon oft dafür gesorgt, dass alte Zöpfe abgeschnitten werden. Der erste iMac erschien ohne Diskettenlaufwerk, das iPhone 7 ohne Buchse für einen Klinkenstecker. Dieses eine Kabel aber sollte man uns lassen, finde ich. Und sehe es damit ganz anders als mein Kollege Jürgen Vielmeier.

Der Klinkenstecker ist lebendige Geschichte

Der Klinkenstecker ist einer der ältesten existierenden Steckerstandtards. Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurde er in Telefonzentralen eingesetzt, als die Gespräche noch per Hand verbunden wurden. Und den Nachfahren, unseren geliebten 3,5-mm-Klinkenstecker, gibt es auch schon seit Mitte des 20. Jahrhunderts.

Klinkenstecker in der Handvermittlung

Mir ist er zuerst am Walkman aufgefallen (beziehungsweise an dem Mini-Kassettenspieler von Aiwa, den ich stattdessen hatte). Gute Kopfhörer hatten damals noch den größeren 6,35-mm-Klinkenstecker, aber das hat sich seitdem geändert. Es gibt eine Unmenge hervorragender Kopfhörer, die mit einem 3,5-mm-Klinkenstecker ausgestattet sind.

Der 3,5-mm-Klinkenstecker, die Miniklinke, ist Standard seit Jahrzehnten. Warum sollte man den aufgeben? Um das nächste Smartphone noch ein paar Millimeter dünner zu machen? Von mir aus kann es gerne noch einen Zentimeter dicker sein, wenn der Platz für einen vernünftigen Akku genutzt wird. Aber meine Liebe zum Klinkenstecker gründet nicht nur auf nostalgischen Gefühlen.

Der Klinkenstecker ist die einfachste Verbindung zwischen A und B

Ich beobachte es bei meinen Töchtern, von T1 bis T4. Überlassen wir einer das Wohnzimmer für eine zwanglose Zusammenkunft mit Gleichaltrigen, brauche ich gar nicht zu erklären, wie man sich per Bluetooth mit den Lautsprechern verbindet. Hauptsache, ein Klinkenstecker ist da. Darüber kann jeder sein Smartphone einklinken – ohne Gefummel und Gewarte, ohne Verbindungsabbrüche, weil so viele Bluetooth-Sender und -Empfänger auf einem Haufen versammelt sind. Die Klinke ist immer noch die einfachste Verbindung zwischen A(udioquelle) und B(eschallungsempfängern).

Auch über den Wolken nutzbar

„Bitte schalten Sie den Flugmodus ein“ – das bedeutet auch Bluetooth aus. Und wie soll ich als Ungernflieger dann Start und Landung ruhig überstehen? Mit dem Klinkenstecker kann ich die Turbinengeräusche mit beruhigendem Audiogewaber in den Hintergrund drängen. Das gibt mir die nötige Ruhe, mich meditativ zu versenken, während sich zweihundert Tonnen widernatürlich in die Luft erheben.

Klinkenstecker für High-Res Audio

Für meine Ü-50-Ohren ist es schon egal, aber wer High-Res Audio erleben möchte, wird dazu wahrscheinlich keine Bluetooth-Verbindung wählen. Zwar gibt es entsprechende Player, aber eine ganze Reihe High-Res Audioplayer vertrauen von vornherein nur auf den Klinkenstecker und sind gar nicht erst mit Bluetooth ausgestattet.

Anschluss für Klinkenstecker

Klinkenstecker als Fernbedienung

Mit dem vierpoligen Klinkenstecker muss ich nicht mal mehr mein Smartphone aus der Tasche holen, um Anrufe entgegenzunehmen, Musik zu pausieren, vor- und zurückzuspulen und Ähnliches. Schließlich ist die Fernbedienung schon im Kabel verbaut. Kann Bluetooth nicht.

Und auch als Auslöser für die Kamera lässt sich das Kabel mit Klinkenstecker nutzen. Praktisch für unauffällige Straßenfotografie oder bei Langzeitbelichtungen.

Auch der Klinkenstecker ist nicht perfekt

Zugegeben, es gibt auch Probleme. Die von Jürgen angesprochenen Probleme mit dem Klinkenstecker habe ich teilweise auch schon erlebt. Das Gefühl, wenn der Wackelkontakt sich mit Rauschen, Knistern und Aussetzern ankündigt, ist kein Schönes. Man hofft, es liege am günstigen Kopfhörer, aber meist ist es doch die Buchse des Audiogeräts.

Auch die zwei Standards der Kontaktbelegung bei vierpoligen Klinkensteckern sind nervig. Ältere Handys von Nokia, Samsung und Sony Ericsson verwenden die Variante der Open Mobile Terminal Platform (OMTP). Apple (iPhone, iPad, iPod und MacBook), AVM, Blackberry, Xbox One Stereo Headset Adapter, HTC, und neuere Nokia-, Samsung- und Sony-Handys nutzen dagegen die Variante der Cellular Telecommunications Industry Association (CTIA). Das linke und rechte Tonsignal sind identisch, nur Zusatzsignal (z.B. Mikrofon) und Masse sind vertauscht. Normale Kopfhörern mit einem dreipoligen Klinkenstecker lassen sich darum ohne Probleme in beiden Varianten der Klinkenbuchse nutzen.

Klinkenstecker gegen Adapter Overload

Vierpoliger Klinkenstecker

USB-C als Standard für alles wäre toll, aber ich fürchte, bevor es soweit kommt, wird dieser Anschluss schon wieder veraltet sein. Apple verwendet an seinem klinkenbuchsenlosen iPhone 7 kein USB-C, sondern Lightning. In den Macbooks hingegen ist ausschließlich Thunderbolt 3 mit USB-C-Steckern verbaut, aber man braucht für fast jedes Peripherieteil einen Adapter. Zum Glück hat Apple wenigstens in den Rechnern – selbst im neuen MacBook und MacBook Pro den Anschluss für den 3,5-mm-Klinkenstecker noch verbaut.

Kein Kabel ist auch keine Lösung

Ich finde Bluetooth auch toll und nutze gerne kabelloses Audio. Aber in manchen Fällen möchte ich einfach schnell ein Kabel einstöpseln können. Am liebsten mit Klinkenstecker. Auf diese Option möchte ich nicht verzichten, genauso wenig wie die mehr als 300.000 Unterzeichner der Petition, die von Apple 2016 etwas rüde forderten, das iPhone 7 mit Buchse für den Klinkenstecker auf den Markt zu bringen.

Das Beste beider Welten: Bluetooth plus Klinkenstecker

Ganz ohne Kabel kann ebenso nerven wie nur mit Kabel. Warum nutzen wir nicht das Beste beider Welten und verwenden ganz nach Geschmack und augenblicklicher Situation mal Bluetooth und mal den guten alten Klinkenstecker? Ich für meinen Teil möchte ungern darauf verzichten.

Titelbild: Library of Congress
Handvermittlung: By David Bedard [Public domain], via Wikimedia Commons

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